„Die Kunst der Betrachtung – Aufsätze und Vorträge zur bildenden Kunst“, von Jacob Burckhardt. Jacob Burckhardt, nach eigener Einschätzung ein „Erzdilettant“, ein Liebhaber der Kunst also, kritisierte das „freudlose wissenschaftliche Arbeiten, das in hübschem Materialsammeln jedes Gefühl abstumpft“. Als Kunsthistoriker mußte er sich notgedrungen mit diesem „Tatsachenschutt“ beschäftigen, den Leser brauchte man aber damit nicht zu belästigen. Da „jedes Zeitalter die entferntere Vergangenheit neu und anders“ anschaute, ging es ihm nicht so sehr darum, der alten Kunst „durch ein historisches, retrospektives Studium ‚gerecht‘ zu werden“, sondern um eine „Bereicherung für unser eigenes Fühlen und Schauen“. Burckhardt, der seine Freude an der Kunst auf andere übertragen wollte, verstand es als lohnende Aufgabe, Leser und Hörer zum Genuß von Kunstwerken anzuleiten. Man dürfe Kunst „für keine bloße Erholung“ halten, betonte Burckhardt, und geistiger Genuß bringe „wenigstens etwas Arbeit mit sich“, denn die Werke aus der Vergangenheit kämen „uns gar nicht entgegen“, man werde also ihnen „irgendwie entgegenkommen müssen“. Daß hinter diesem Irgendwie erhebliche Anstrengungen stehen, läßt Burckhardt den Leser nicht spüren, seine ganze Aufmerksamkeit ist darauf konzentriert, ihn am Kunsterlebnis und an der Arbeit des Verstehens zu beteiligen. Die Verlockungsprämie, die er anbietet, ist die Vergegenwärtigung von Kunstwerken. Er plädiert für einen Umgang mit alter Kunst, der sie im historischen Kontext erklärt, zugleich aber auch sie als noch immer lebendige Erscheinung begreift. Dafür steht Burckhardt eine Sprache zur Verfügung, die – weit entfernt von Fachjargon oder Interpretationslyrik – den Nachhall subjektiver Empfindung vor dem Kunstwerk verbindet mit präzisen Angaben zum Kunstwerk. So ist die von Hennig Ritter besorgte Auswahl ein Lesevergnügen. (DuMont Verlag, Köln, 1984; 486 S., 58,-DM.)

Helmut Schneider