Von Hansjakob Stehle

Vielleicht bedarf es manchmal der Arglosigkeit „unpolitischen“ Denkens, um die Verhärtungen einer Politik aufzubrechen, die in Formeln und Feindbildern erstarrt. Vor zwanzig Jahren war es ein katholischer Erzbischof, Boleslaw Kominek (1903-1974), der seine polnischen Amtsbrüder dazu bewog, über die Schatten böser Vergangenheit hinweg, doch fest auf dem Boden der Wirklichkeit, den Deutschen versöhnlich die Hand hinzustrecken. Deutsche katholische Bischöfe ergriffen sie damals – freilich „nicht ohne Vorbehalt“, wie der polnische Kardinal Primas Wyszynski noch 1970 bitter an den deutschen Kardinal Döpfner schrieb. Und ein Bodensatz von Kleinmut und Argwohn, ins Gewand der Vorsicht gekleidet, trübt bis heute eine Beziehung, die weit über den Kirchenraum hinaus auf das nachbarschaftliche Verhältnis wirkt.

Anfang Oktober 1965 hatte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit einer sorgsam abwägenden Denkschrift über „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“ eine heftige Diskussion entfacht. Der evangelische Ruf zum Gespräch ohne Selbstgerechtigkeit, zur Opferbereitschaft auch in der Grenzfrage, ermutigte damals den Erzbischof Kominek, ja, löste in ihm einen Entschluß aus, den er in den letzten Monaten des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom immer wieder erwogen hatte. Als Ergebnis vieler Tischgespräche zwischen deutschen und polnischen Bischöfen (unter ihnen Wojtyla aus Krakau und Hengsbach aus Essen) verfaßte Kominek auf Deutsch einen Brief an den deutschen Episkopat, den alle polnischen Konzilsbischöfe am 18. November 1965 unterzeichneten. Da wurde – verbunden mit einer Einladung zur Tausendjahrfeier der Christianisierung Polens (1966) – an die lange, nicht nur negative Geschichte deutsch-polnischer Nachbarschaft erinnert, auch an die „furchtbare, finstere Nacht“ der deutschen Besetzung Polens, und dann wurde das „sogenannte heiße Eisen“ angepackt:

„Die polnische Westgrenze an Oder und Neiße ist, wie wir wohl verstehen, für Deutschland eine äußerst bittere Frucht des letzten Massenvernichtungskrieges – zusammen mit dem Leid von Millionen von Flüchtlingen und vertriebenen Deutschen (auf interalliierten Befehl der Siegermächte – Potsdam 1945! – geschehen)... Für unser Vaterland,. das aus dem Massenmorden nicht als Siegerstaat, sondern bis zum äußersten geschwächt hervorging, ist es eine Existenzfrage (keine Frage größeren Lebensraumes); es sei denn, daß man ein über Dreißigmillionenvolk in den engen Korridor eines Generalgouvernements von 1939 bis 1945 hineinpressen wollte – ohne Westgebiete, aber auch ohne Ostgebiete ...“

Fast flehentlich baten die polnischen Bischöfe um Verständnis für das „elementare Sicherheitsbedürfnis“ Polens, doch ihr moralischer Appell ließ alles Politische hinter sich: „Versuchen wir zu vergessen! Keine Polemik, kein weiterer Kalter Krieg, aber der Anfang eines Dialogs ... In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zuendegehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung ...“

Das alles war nicht die Sprache der Diplomatie, auch nicht der kirchlichen, mit der sich drei Wochen später die deutschen Bischöfe in ihrem Antwortbrief bemühten, dem „Politischen“ auszuweichen: „Wir wissen, daß wir die Folgen des Krieges tragen müssen ... so bitten wir, zu vergessen, ja wir bitten, zu verzeihen ... christliche Liebe wird dazu beitragen, daß alle unseligen Folgen des Krieges in einer nach allen Seiten befriedigenden und gerechten Lösung überwunden werden.“ Auch als die Warschauer Kommunisten in drohender Polemik den polnischen Bischöfen genau das vorwarfen, was unfaire deutsche Kommentare diesen unterstellten (sie hätten die Oder-Neiße-Grenze zur Diskussion gestellt), kam kein deutscher Bischof den polnischen Amtsbrüdern zu Hilfe.

„Einiges hätten wir wärmer formulieren können“, gab Kardinal Döpfner später zu. Doch noch 1970, am Vorabend des deutsch-polnischen Vertrages, weigerte er sich, der Aufforderung seines Warschauer Amtsbruders, „in dieser historischen Stunde nicht beiseite zu stehen“, Folge zu leisten: Ihm sei „friedfertige Haltung wichtiger als ein Vertrag“, über den man auch unter Katholiken verschiedener Meinung sein könne und dürfe, schrieb Döpfner am 14. Dezember 1970 an Wyszynski. Für ihn und die polnischen Bischöfe blieb die Grenzfrage als nationale Lebensfrage „auch eine Kirchenfrage“, in der in Polen freilich alle Katholiken einig sind.

Nicht wenige Versuche, diesen Unterschied zu überbrücken, sind seitdem versandet. Das Gespräch zwischen den beiden Episkopaten riß zwar nie mehr ab, doch erst jüngst scheint es wieder in eine Phase der Kühle geraten zu sein. Nächste Woche will man in Rom bei der Bischofssynode gemeinsam den Konzilsgeist von 1965 beschwören. Er weht auch zwischen Deutschen und Polen oft nicht, wo er will, sondern nur, wo er darf.