Bonn: „Max Ernst – Landschaften“

„Alle Freunde verwandeln sich in Blumen. Alle Blumen verwandeln sich in Vögel, alle Vögel verwandeln sich in Berge, alle Berge verwandeln sich in Sterne. Jeder Stern wird ein Haus, jedes Haus eine Stadt“ – die von Max Ernst 1928 entworfene große, poetische Metamorphose enthält alle Elemente, die zu seinem Landschaftsbild, seiner Kosmographie dazugehören (nur das Thema Wald, Baum, Blatt fehlt). Max Ernst als Landschaftsmaler? Das ist eine ebenso originelle wie naheliegende Idee, wenn man Landschaft nicht als Summe ihrer Details versteht oder als Impression, sondern, im Sinne der Romantik, als den Ort, wo sich das Universum in beispielhaften Zeichen zu erkennen gibt. Im Geist und mittels der Technik der Collage (von Ernst einmal als die „systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten“ definiert) wächst sich in Max Ernsts Landschaften die Muschel zum Fels aus, das Blatt zum Baum, ein Grätengeflecht zum Wald oder zur Stadt, wird die auf ein Blatt durchgeriebene Maserung des Holzes zum Meer, wuchert das Steingewächs der Stalagmiten zur Zypresse. „Aus der Vogelschau“ nennt Günter Metken die Perspektive dieser Landschaftskunst, denn Max Ernst, der sich in der Doppelgänger-Gestalt des Vogels in diese Bilder selbst einbringt, sieht das ganz Große und das ganz Kleine und schafft gerade durch die Verwirrung der Maßstäbe seine eigenen Szenerien. „Max Ernst – Landschaften“ – die kleine, eindrucksvolle Ausstellung, die im Frühjahr dieses Jahres bei Ernst Beyeler in Basel zu sehen war, hat Katharina Schmidt, die neue Direktorin des Bonner Kunstmuseums, jetzt an den Rhein geholt (natürlich sind auch die zwei großen Bilder „Vater Rhein“ und „Rheinische Nacht“ zu sehen), und zeigt sie, um einige Arbeiten erweitert, in den zu diesem festlichen Einstand renovierten Räumen. Eine Ausstellung, die bis hinein in kapriziöse Extras (aus dem Kanzleramt wurden einige Bronze-Skulpturen entliehen, die wie freundliche Fabeltiere aus dem Grün von Blattpflanzen hervorlinsen) eine Freude ist. (Kunstmuseum bis zum 26. Januar 1986, Katalog 35 DM)

Petra Kipphoff

München: „Tony Cragg – Neue Skulpturen“

Tony Cragg arbeitet mit bereits benutzten Materialien (oder auch mit Gegenständen, die nicht primär für den künstlerischen Gebrauch bestimmt sind) – mit weggeworfenen Dingen des täglichen Konsums aus Plastik, mit Sperrholz, Formen aus Graphit, Kunststoffrohren und allerlei anderen Fundstücken. Diese Art des Umgangs mit ästhetisch anspruchslosen Objekten hat durchaus Tradition in der Kunst unseres Jahrhunderts. Anders als manche seiner Vorgänger hat Cragg jedoch nicht vor, damit die hohe Kunst zu denunzieren, er will umgekehrt zeigen, daß auch Schrott kunstfähig ist (und folgt so in gewisser Weise den Überlegungen seines Landsmannes Eduardo Paolozzi). Tony Cragg trägt die Gegenstände, die sein Spielmaterial bilden, sozusagen ins Museum und schaut dort, was man mit ihnen anfangen könnte. Und was dabei herauskommt, ist mitunter eine Parodie allseits geschätzter Ikonen, gelegentlich auch eine aktualisierte Korrektur bereits musealer Kunst. Meistens ist es dazu noch witzig – der mit farbigen Plastikteilen ausgefüllte Umriß eines „Läufers“ ist ein Gruß an Delaunays Fußballspieler und ein Kommentar zur heutigen heftigen Malerei. Cragg gibt in seinen Arbeiten nie den Anspruch auf, Bildhauer zu sein, ironisiert aber zugleich die Vorstellung vom Künstler im Elfenbeinturm. Er zeigt ihn als Homo faber, der mit vorhandenen Produkten Kunst produziert, die ihre Herkunft nicht verleugnet und ihren Materialien doch unerwartete bildnerische Konfigurationen abgewinnt. (Galerie Bernd Klüser, bis zum 15. Januar 1986)

Helmut Schneider