Wie Amerika seine Sehnsucht nach königlichem Glanz wiederentdeckt

Von Barbara Ungeheuer

Washington, im November

Michail Gorbatschow hat seinen der CIA entlaufenen Agenten und den aus dem Mississippi aufgefischten Sowjet-Matrosen zurück. Ronald Reagan hat Lady Di und Prinz Charles empfangen, wenige Tage vor dem Genfer Gipfeltreffen konnten die Regierungschefs der beiden Weltmächte noch einmal Kraft schöpfen. Jeder auf seine Art.

Als der Hausherr des Weißen Hauses, das Jackett im blau-grün karierten Schottenmuster seiner Vorfahren, Prinz Charles und Lady Diana von England am Samstagmorgen begrüßte, hatte die offizielle Absegnung zu einer gesellschaftlichen Tour de Force stattgefunden, wie sie sich die Hauptstadt seit 1976, der Zweihundertjahrfeier ihrer Unabhängigkeit von England, nicht mehr ausgesetzt hatte. Der Anlaß war Lady Di’s erster Besuch in den Vereinigten Staaten (für den Prince of Wales war es schon das achte Mal) und eine Kunstausstellung, für die das Thronfolgerpaar die Schirmherrschaft übernommen hatte. Über 700 Kunstobjekte aus den 200 prachtvollsten Landsitzen des britischen Adels sind seit letzter Woche in der National Gallery von Washington zu beäugen, und – viel besser noch – ihre Besitzer waren gleich mitgekommen, Herzöge und Gräfinnen, Lords im eigenen wie im englischen Oberhaus, stellten die Vorhut für den Besuch der königlichen Hoheiten.

Rangeln um blaues Blut

Letztes Etikette-Training für Washingtons Gastgeberinnen: Sie – möglichst verbriefte Tochter der Revolution, er – möglichst betucht. So hatte bereits vor Lady Di’s Erscheinen das Rangeln um blaues Blut beim Geldadel seelische Narben hinterlassen, lange bevor Nancy Reagans Gästeliste für den Galaabend im Weißen Haus tropfenweise publik wurde. Alte Freundschaften zerbrachen, Washingtons Cocktail-Zirkus wird sich neu formieren müssen. Dabei hatten die Lords und Ladies seit ihrer Ankunft für die adelsunkundigen Amerikaner eine beinahe schockierende Volkstümlichkeit bewiesen. Beim Besuch der historischen Städte von Virginia wollten sie partout in den „Darling“-Holzfällerhütten (log cabins) nächtigen, die General Lee auf seinem Landgut in Stratford einst für seine Dienerschaft hatte zimmern lassen. Und als Lady Rosebery, Herrin von Dalmeny House bei Edinburgh, ihr ausgeliehenes Napoleon-Mobiliar, ihr Silber und Porzellan beleuchtet und chronologisch arrangiert im Museum wiedersah, entschlüpfte es ihr: „Gosh, bei uns im Haus sieht das wie Obstsalat aus, alles ist kunterbunt durcheinander gemischt.“