Von Jes Rau

Für Besucher von fern und nah gehört Macy’s Kaufhaus am Time Square zu den Sehenswürdigkeiten New Yorks. Die neun Stockwerke sind oft zum Bersten voll. Das war nicht immer so. Vor zehn Jahren liefen die Geschäfte im Flaggschiff der Macy’s-Warenhauskette so schlecht, daß die Geschäftsleitung daran dachte, den größten Laden der Welt dicht zu machen. Davon wollte Edward Finkelstein aber nichts wissen. Als er zum Boß von Macy’s aufrückte, krempelte er den Laden völlig um. Mit einem Sortiment mit mehr Geschmack und Qualität lockte er die Besserverdiener an und sorgte für steigende Umsätze und Gewinne nicht nur in dem Kaufhaus auf Manhattan, sondern auch in den übrigen Filialen der Vereinigten Staaten.

Doch dann kam ein Rückschlag. Ein enttäuschendes Weihnachtsgeschäft ließ die Gewinne des vergangenen Geschäftsjahres um fast 15 Prozent sinken. Die meinungsmachenden Branchenbeobachter der Investmentfirmen in der Wall Street werteten dies als Zeichen dafür, daß die Aktien von Macy’s keine Wachstumspapiere sind. Als daraufhin der Kurs der Anteile absackte, geriet Finkelstein unter Druck, seine langfristigen Expansionspläne aufzugeben. „Seine Strategie besteht darin, die Grundlagen für steigende Dividenden in drei bis fünf Jahren zu legen“, meinte der Herausgeben einer Einzelhandelsfachzeitschrift, „aber an der Wall Street ist man ja nur an einem schnellen Dollar’ interessiert.“

Die negative Reaktion der Anlageexperten fuchste Finkelstein um so mehr, als der erwirtschaftete Gewinn von fast 190 Millionen Dollar der zweithöchste in der gesamten Firmengeschichte ist und die Umsätze mit 4,4 Milliarden Dollar einen Rekord erreichten.

Der Boß von Macy’s entschloß sich deshalb, sein eigener Herr zu werden und die Warenhauskette im Verein mit hundert leitenden Angestellten aufzukaufen. Das Unternehmen würde dann in eine Privatgesellschaft umgewandelt, deren Anteile nicht mehr an der Börse gehandelt werden, womit die strenge Publizitätspflicht entfällt. „Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß sich in der Rechtsform der Privatgesellschaft die Geschäfte heutzutage besser betreiben lassen“, meinte Finkelstein.

Der angebotene Preis von siebzig Dollar pro Aktie – der Kurs der Aktie krebste vorher bei fünfzig Dollar – schreckte andere Interessenten bislang von konkurrierenden Offerten ab. Die gesamten 3,58 Milliarden Dollar, die die Übernahme bei diesem Preis kostet, wollen sich Finkelstein und Kollegen pumpen. Die von ihnen dazu angeheuerten Investmentbankiers von Goldman Sachs dürften wenig Schwierigkeiten haben, diesen riesigen Batzen Geld zusammenzubekommen. Denn die Banken im In- und Ausland zögern zwar mittlerweile, Entwicklungsländer, Ölbohrer und sonstige anerkannte „Geldvernichtungsmaschinen“ zu finanzieren. Sie wähnen sich aber glücklich, bei der Übernahme von Firmen zu helfen und dafür überdurchschnittliche Zinsen und allerlei Spesen für diverse Dienstleistungen zu kassieren.

Diese Freigebigkeit weckt bei immer mehr Spitzenmanagern den Wunsch, nicht nur Boß, sondern auch Eigentümer zu sein. Einen Tag, nachdem Edward Finkelstein seine Kaufofferte für Macy’s abgegeben hatte, gab das Management des in Chicago beheimateten Konglomerats Household International bekannt, daß es 700 Millionen Dollar für die Übernahme des von ihm geführten Unternehmens biete. Bereits abgewickelt ist die „Privatisierung“ von Levi Strauss, Amerikas größtem Markenhersteller von Bekleidung. Die früher breit gestreuten Aktien des Herstellers liegen heute in der Hand der Geschäftsführung und einiger Nachkommen der Gründerfamilie, die dafür insgesamt 1,5 Milliarden Dollar aufbringen mußten.