Ein Buch ist erschienen, das sich vor allem an die Leser eines anderen Buches wendet. Das andere Buch heißt „Deutschland umsonst“. Michael Holzach schrieb es, nachdem er 1980 – so der Untertitel – „zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“ gewandert war. Der große Erfolg des Buches gründet sich nicht nur auf die ungewöhnliche Perspektive. Wie Holzach Menschen zeichnet, liebevoll, manchmal zornig, nie zynisch; wie seine Erlebnisse oft zum Lachen reizen, ohne daß er je die Akteure lächerlich machte; und immer ist da dieser Zweifel: Profitiere ich nicht vom Elend anderer, indem ich es beschreibe?

Seine Selbstkritik ist keine Koketterie. Holzach litt, wenn auch ihn die Skrupel gewiß mehr quälten als seine Leser – doch gerade aus dieser Spannung bezog er seine erzählerische Kraft.

Wir hätten mehr von ihm lesen wollen, dem ehemaligen Reporter des ZEITmagazins, dem selbst seriöser Journalismus suspekt erschien. Doch Michael Holzach ertrank 1983, als er seinen Hund Feldmann, der ihn auf der Wanderung begleitet hatte, aus der Emscher retten wollte. Er wurde 36 Jahre alt.

„Zeitberichte“ heißt das Buch, das jetzt erschienen ist. Es enthält Holzachs beste Reportagen. Seine Lebensgefährtin Freda Heyden gab es heraus, sein Freund und Photograph Timm Rautert stellte unveröffentlichte Bilder zu den alten Geschichten.

Die vierzehn Reportagen sind Expeditionen in den Dschungel des Gewöhnlichen. Wir treffen polnische Deutsche im Ruhrgebiet, Lottospieler, jugendliche Trinker, fahren mit Gastarbeitern auf Urlaub in die Türkei, beobachten Camper in der DDR und das Leben in einem Kloster in Trier. Die Photographien entstanden in Wohn- und Schlafzimmern, in Küchen, Werkstätten, auf der Straße – Bilder aus Deutschland, wie sie jeder kennen sollte.

Schade, daß das Buch so teuer ist, denn man wünschte ihm viele Leser.

(Holzach/Rautert „Zeitberichte“, Weismann Verlag, München, 48 Mark.) U. S.