Die Erfahrungen eines amerikanischen

Diplomaten in der Bundesrepublik

Von Arthur Burns

Ich hatte mich schon lange für Deutschland interessiert, als mir meine Regierung das Amt des Botschafters der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik antrug. Ich hatte das Land oft privat oder im Regierungsauftrag besucht. Ein wenig von der deutschen Sprache und Literatur war mir aus meiner Studentenzeit in Erinnerung geblieben. Der gestrenge Helmut Schmidt, damals deutscher Bundeskanzler, war – genau wie Karl Klasen, der ehemalige Chef der Bundesbank – ein alter Freund von mir.

Die Aussicht, ein neues Amt zu übernehmen, das mir die Möglichkeit bot, zur Bewahrung des Friedens und der Freiheit in unserer unruhigen Welt beizutragen, faszinierte mich. Und als praktizierender Jude hatte ich das vage Gefühl, daß es eine gewisse moralische Angemessenheit hat, ja vielleicht sogar ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Aussöhnung sein könne, wenn ich Botschafter in einem Land würde, das während der Nazi-Ära unsagbare Verbrechen an Menschen meines Glaubens verübt hatte – an Menschen, zu denen auch Mitglieder meiner eigenen Familie zählten.

Was habe ich gelernt in den vier Jahren meines intensiven Lebens und Arbeitens in Westdeutschland?

Zum einen lernte ich rasch, daß Probleme der Außenpolitik weit schwerer zu definieren und zu behandeln sind als die Probleme der Wirtschaft, mit denen ich bis dahin zu tun gehabt hatte. Wirtschaftliche Probleme nationaler wie internationaler Art waren für mich ein Terrain, auf dem es relativ überschaubar und voraussagbar zuging. Die internationale Politik und Diplomatie dagegen war für mich eine ganz und gar neue Welt. Für mich stellte sie sich vom ersten Augenblick an – und daran hat sich im Grunde bis heute nichts geändert – als eine Welt dar, die von Gerüchten, Emotionen und selbst von Mißtrauen und Verdächtigungen gekennzeichnet ist, als eine Welt, in der Idealbilder der Realität allzu oft die Tatsachen verdunkeln.