Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im November

Geblieben ist der bleigraue Himmel, der zur Moskauer Oktoberrevolutionsparade gehört wie der Rote Platz selbst. Gewichen sind die düster lastenden Wolken über dem Lenin-Mausoleum, von dessen Ballustrade die Kremlführer dem Volk aufs Haupt schauen. Nach den sieben kranken Jahren, in denen Gesundheit oder Abwesenheit mindestens eines Spitzenfunktionärs – von Suslow über Breschnjew, Andropow, Ustinow bis zu Tschernjenko – zu fortdauernden Spekulationen führten, scheint an diesem 7. November Michail Gorbatschows massive Gestalt eine kraftvollere Periode zu versprechen. Nicht müdevermummt wie seine Vorgänger, sondern nur von einer leichten Karakul-Pelzmütze und einem leuchtend-blauen Schal geschützt, erweckt er den Eindruck eines Menschen, der sich mit seltener Selbstgewißheit seiner Macht und seiner Last gleichermaßen bewußt ist.

Gorbatschows Sonderstellung auf der Ballustrade – an der Spitze der Militärs, rechts vom Redner und nicht links, wie die übrigen Politbüromitglieder – demonstriert, daß er sich von der kollektiven Führung schneller abgesetzt hat als alle Parteiführer seit Lenin. Nun steht dieser achte Kremlchef, dem die meisten Beobachter noch vor kurzem allenfalls Wirtschaftsreformen, aber keine eigenständige Außenpolitik zutrauten, vor dem Sprung auf die Weltbühne. Unmittelbar vor dem Gipfel in Genf ist der 54jährige Südrusse aus dem Kaukasus auch sein eigener Außenminister. Andrej Gromyko, der für kaum entbehrlich gehaltene Langzeit-Minister, zeigt sich auf der Ballustrade, als Staatsoberhaupt, an zweiter Stelle. Doch politisch ist er schon ins zweite Glied gerückt.

Vor Gorbatschow, dem ersten Kremlchef, der eine militärische Supermacht geerbt hat und entsprechend selbstbewußt auftritt, defilieren die Parade-Regimenter. Schulter an Schulter gepreßt, die Köpfe mit mühevoller, starrer Anspannung zum Lenin-Mausoleum hinaufgerichtet, wirkt ihre verkrampfte Haltung an diesem Tag fast symbolisch für die verbissene Anstrengung, gleichen Schritt zu halten mit dem Rüstungstempo der anderen Supermacht und dem wirtschaftlichen Sanierungsprogramm der eigenen Führung. Denn nicht weltrevolutionäre und antiimperialistische Kampflosungen beherrschen diesen 68. Siegestag der Sowjets – der größte Teil der Parade ist zum langen Marsch für eine bessere Ökonomie geworden mit Forderungen nach mehr Qualität, größerer Produktivität und besserer Planung.

Wie dringlich diese Aufgabe, wie weitgesteckt die Ziele sind, führt ein großes Schuhgeschäft vor, nur ein paar hundert Schritte entfernt vom Roten Platz. Der Laden in der Gorkij-Straße, Moskaus Einkaufs-Magistrale, hat volle Regale, aber wenig Auswahl: Zu Dutzenden türmen sich hochhackige, weiße und beige Sandalen – während draußen die potentiellen Kunden über die Regenlachen dieses naßkalten Novembers springen.

Überall drückt der Schuh. Mängel und Miseren sind nicht nur unübersehbar, sie werden jetzt auch in den Medien offener benannt. Die neue Kremlspitze hat eingesehen, daß nicht die rotierende Rüstungsmaschinerie, sondern eine besser florierende Volkswirtschaft der letzte Garant für Sicherheit und Weiterentwicklung des Sowjetimperiums ist. Die angekündigten Maßnahmen klingen gewaltig, doch Gorbatschows materielle Mittel bleiben begrenzt. Der neue Entwurf des Fünfjahrplans, den der Parteichef im Sommer zur Brüskierung von Ministerpräsident Tichonow und Planungschef Bajbakow (beide sind inzwischen abgetreten) zurückgewiesen hatte, verspricht für das magische Jahr 2000 eine Verdoppelung des Nationaleinkommens und der Industrieproduktion.