Nach zwei Jahren Kampf mit den britischen Einwanderungsbehörden war es endlich soweit: Andrew Sarbah, ein 15 Jahre alter farbiger Brite, durfte zurück nach England. Es war das glückliche Ende einer Kette von Schwierigkeiten. Sie hatten begonnen, als der damals Dreizehnjährige seinen Vater in Ghana besuchte. Auf dem Rückweg verweigerten die britischen Behörden die Einreise. Begründung: Er benutze einen falschen Paß und sei nicht die Person, die er vorgebe zu sein. Dagegen bestand seine in England verbliebene Mutter darauf, daß es sich bei dem Jungen um ihren Sohn handele.

Der Streit konnte mit Hilfe einer revolutionären genetischen Technik, einer Art „genetischen Fingerabdruck“ beigelegt werden. Die neue Methode könnte in der Tat die Lösung solcher und ähnlicher Fälle revolutionieren. Denn die Bestimmung des genetischen Fingerabdrucks ist bemerkenswert akkurat. Mit der herkömmlichen Blutgruppenbestimmung hätte sich nur eine wahrscheinliche Verwandtschaft zwischen Andrew und seiner Mutter nachweisen lassen – der Knabe hätte demnach ebensogut der Neffe wie der Sohn sein können. Mit einem solchen unsicheren Beweis wäre Andrew wohl die Rückkehr zur Mutter nicht ermöglicht worden. Dagegen legt der genetische Fingerabdruck mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 000 zu eins (also so gut wie sicher) nahe, daß Andrew wirklich der Sohn von Frau Sarbah ist.

Der britische Genetiker Alex Jeffries, der die Methode an der Universität von Leicester entwickelt hat (siehe ZEIT Nr. 13/1985), verweist auf eine zusätzliche Schwierigkeit, die er in diesem Fall überwinden mußte: Andrews Mutter war sich nicht sicher, wer wirklich der Vater war; überdies standen weder der mutmaßliche Vater noch die Schwestern der Mutter für zusätzliche genetische Analysen zur Verfügung. Jeffries verfugte nur über Gen-Proben von Andrew, dessen Mutter und deren andere, ebenfalls in England lebende Kinder.

Schon liegen dem Forscher die Anfragen von etwa zwanzig Interessenten vor, die ihre Fälle auf ähnliche Weise belegt haben wollen. „Aber wir haben einfach nicht genug Personal an der Universität, um damit fertig zu werden“, erklärt Jeffries. Aus Furcht, sich vor Anfragen nicht mehr retten zu können, hatte sich der Genetiker bedeckt gehalten. Dennoch bearbeitet er derzeit einen Ausweisungsfall – einer von Hunderten, wenn nicht Tausenden von Fällen im Jahr allein in Großbritannien, die sich mit Jeffries Methode entscheiden ließen.

Genetische Fingerabdrücke könnten auch bei der Identifizierung von Kriminellen helfen, wenn am Tatort winzige Hautreste oder Blutstropfen gefunden werden, oder wenn nach Vergewaltigungen Spermaproben vorliegen. Kein Wunder, daß auch das für Einwanderungen zuständige britische Innenministerium sowie die Polizei des Vereinigten Königreiches bei Jeffries anklopfen. Offensichtlich nehmen die Behörden den genetischen Fingerabdruck sehr ernst.

Die neue Technik könnte vom Lister-Institut in London auf den Markt gebracht werden. Das medizinische Forschungsinstitut unterstützt die Arbeit Jeffries finanziell und besitzt dadurch auch die Patentrechte. Derzeit bereitet Lister die Lizenzvergabe an britische und ausländische Firmen vor. Jeffries erwartet für sein Labor ebenfalls finanzielle Vorteile, da er mit Lister eine Patentabgabe vereinbart hat.

Der Genetiker aus Leicester nutzt mit seiner Technik die Entdeckung, daß im menschlichen Erbgut Gene vorkommen, deren Bausteine eine höchst variable, beinahe zufällige Reihenfolge („Sequenz“) aufweisen. Dennoch sind diese genetischen Regionen vererbbar. Sie enthalten offensichtlich keine „nützlichen“ Erbinformationen und sind damit, wie Jeffries erklärt, „Beispiele für egoistische Gene“ – Gene, die nach dem heutigen Kenntnisstand nur für die eigene Reproduktion und sonst nichts zuständig sind. Jeder Mensch besitzt solche Erbabschnitte, wobei die Sequenz von Mensch zu Mensch verschieden ist.