Von Michael Jungblut

Bei der Lufthansa wird gestreikt. Die Befürworter einer Arbeitskampf-Gesetzgebung, durch die „gewerkschaftlicher Willkür“ engere Grenzen gezogen werden sollen, hätten sich zur Unterstützung ihrer Forderung keine passendere Begleitmusik wünschen können. Der Streik bei der Lufthansa ist der überflüssigste und dümmste, der in der Bundesrepublik je inszeniert wurde. Seit Montag versucht die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) den Flugbetrieb bei der Lufthansa zu stören, um das Unternehmen zu zwingen, sich ihren Forderungen zu beugen. Die Fluggesellschaft will jedem Mitarbeiter eine Gewinnbeteiligung von 850 Mark plus sechs Prozent des jeweiligen Monatsgehalts zahlen, mindestens jedoch 1025 Mark; die ÖTV fordert einen Einheitsbetrag von 1100 Mark. Wegen der verbleibenden Differenz hat sie nun zum Arbeitskampf aufgerufen.

Es geht allerdings nicht nur um lächerliche 75 Mark, denen bei den Streikenden wesentlich höhere Einkommensverluste gegenüberstehen könnten. Es geht auch ums Prinzip: darum, ob die Gewinnbeteiligung wenigstens teilweise an der Leistung des einzelnen Mitarbeiters ausgerichtet wird, oder ob sie nur einen Einheitsbetrag darstellen soll, der den Anteil der Küchenhilfe am Betriebsergebnis genauso bewertet wie den eines Flugkapitäns.

Wenn eine Gewerkschaft wegen eines so läppischen Streits mit der Streikwaffe um sich schlägt, muß das die Zweifel verstärken: Werden sich die Funktionäre auch in Zukunft noch so verantwortungsbewußt verhalten, wie sie dies bisher im allgemeinen getan haben? Wer die manchmal fragwürdigen und widersprüchlichen Urteile der Arbeits- und Sozialgerichte bedenkenlos dazu benutzt, die Gewichte im Arbeitskampf kräftig zu seinen Gunsten zu verschieben, der darf sich nicht wundern, wenn nun die Arbeitgeber, aber auch Ökonomen und Juristen, nach dem Gesetzgeber rufen.

Die IG Druck hatte sicherlich ihre Gründe, als sie 1984 die Regeln für Urabstimmung und Streik so änderte, daß die Funktionäre nun weitgehend selbstherrlich bestimmen können, wann, wo und wie ein Arbeitskampf geführt wird. Die IG Metall kam sich gewiß sehr schlau vor, als sie einschlägige Urteile dazu nutzte, die Taktik der „neuen Beweglichkeit“ zu entwickeln, mit der sie die Unternehmen durch überraschende Streikaktionen noch während laufender Verhandlungen unter Druck setzen kann. Die Metaller waren auch mächtig stolz auf ihre „Minimax-Strategie“.

Möglich wird sie, wenn gezielt einige Schlüsselbetriebe mit relativ wenigen Beschäftigten bestreikt werden, um so außerhalb des eigentlichen Kampfgebietes große Werke mit Zehntausenden von Beschäftigten nach kurzer Zeit lahmzulegen. Wenn dann die Bundesanstalt für Arbeit – wie einige Gerichte entschieden haben – den von der Stillegung betroffenen Arbeitnehmern Lohnersatz zahlen muß, läßt sich durch die Minimax-Strategie praktisch jede gewerkschaftliche Forderung erzwingen. Die Gewerkschaft muß dann nur an die von Streik und Aussperrung unmittelbar betroffenen Arbeitnehmer in dem von ihr ausgewählten Tarifbezirk zahlen; die Arbeitgeber dagegen stehen vor der Situation, daß ganze Branchen solange stillstehen, bis sie klein beigeben.

Noch vor zehn oder zwanzig Jahren wäre das in dieser Art kaum möglich gewesen. Heute aber werden durch eine bessere Organisation und vor allem durch den Einsatz der Elektronik die Produktionsabläufe immer dichter „vernetzt“. Das erlaubt den Unternehmern, rascher auf Veränderungen am Markt zu reagieren und die kostspielige Lagerhaltung auf ein Minimum zu beschränken. Beides ist mit Rücksicht auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie – und damit auf die Sicherheit von Arbeitsplätzen – unverzichtbar. Es bedeutet aber auch, daß jeder gewaltsame Eingriff in den engen Verbund zwischen Zulieferer und Abnehmer zu Schäden führt.