Von Klaus Pokatzky

Frankfurt, im November

Richtfest im November. Rund 200 Frauen und Männer frieren im Nieselregen. Ein kalter Wind fegt durch den betonierten Rohbau des neuen jüdischen Gemeindezentrums im Frankfurter Westend. Es gibt koscheren Eintopf und Brezel, Bier und Saft. Die Bauarbeiter haben die Treppe, auf der die Festredner ins Mikrophon sprecnen, mit grünen Zweigen und rot-weißen Girlanden geschmückt. Am Rande der Versammlung stehen kräftig gebaute Männer in Dreiertrupps; aus ihren Sprechfunkgeräten quakt es unaufhörlich. An den Eingängen neben dem Bauzaun patrouillieren uniformierte Polizisten.

Der Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde, Stefan Szajak, lobt das neue Haus, das im August bezogen werden soll, und die bislang unzulänglich untergebrachten Einrichtungen beherbergen soll: Altenstätte, Jugendzentrum, Büros. Szajak vergleicht es mit einer Brücke, sagt dann aber gleich in einem seiner ersten Sätze: „Diese menschliche Brücke ist zur Zeit schweren Stürmen ausgesetzt.“ Und auch der nächste Redner, Stadtkämmerer Ernst Gerhardt, spricht mehr über die aktuellen Querelen um das Theaterstück von Rainer Werner Fassbinder als über den neuen Bau. Er verdammt das „antisemitische Stück, das meiner Meinung nach keinerlei geistigen und kulturellen Wert besitzt“. Der Stadtkämmerer und Christdemokrat bekommt viel Applaus für seine barschen Worte. Und da ist es schon verständlich, daß der Satz fast untergeht, den der Architekt des Gebäudes, Salomon Horn, zu seinem Werk sagt: „Damit geht für die jüdische Gemeinde in Frankfurt die Nachkriegszeit zu Ende.“

Natürlich ist es ein Zufall, daß die Frankfurter Juden ihr Richtfest zu einem Zeitpunkt feiern, wo sie, wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik, eine öffentliche Auseinandersetzung über deutsche Vergangenheit losgetreten haben. Kein Zufall ist es, daß der Richtkranz einen Tag vor dem 9. November hochgezogen wird – jenem Datum also, zu dem seit Jahrzehnten mit viel Balsam in den Reden der sogenannten „Reichskristallnacht“ gedacht wird. In den Grundstein für ihr neues Gemeindezentrum haben die Frankfurter Juden eine Kassette eingeschweißt, darin liegt eine Kiste mit Tausenden von Namen jener Frankfurter Juden, die von Deutschen deportiert und ermordet wurden.

Der Bau des Gemeindezentrums liegt in bewährten Händen: der Auftrag wurde an die angesehene Frankfurter Baufirma Philipp Holzmann AG vergeben. Wohl nichts könnte mehr die Tatsache illustrieren, in welcher Zerrissenheit sich die Juden in Frankfurt befinden, jetzt, wo ihre Nachkriegsgeschichte zu Ende gegangen sein soll. Denn die Verträge mit Holzmann haben die jüdische Gemeinde beunruhigt, im Vorstand zu stundenlangen heftigen Diskussionen geführt. Gemeindemitglieder waren nämlich im Buch „Lohn des Grauens“ über „die verweigerte Entschädigung für jüdische Zwangsarbeiter“ auf Passagen gestoßen, in denen von dieser Baufirma die Rede ist. Autor des Buches ist Benjamin B. Ferencz, der 1947 und 1948 im Prozeß gegen die Einsatzgruppen der SS vor dem Nürnberger Militärtribunal Chefankläger war und später Mitglied der jüdischen Delegation bei den Wiedergutmachungsverhandlungen.

Ferencz beschreibt nicht nur, wie im Winter 1942 „eine Ladung“ jüdischer Zwangsarbeiter, Sklaven „für die deutsche Baufirma Philipp Holzmann“ im estnischen Reval eintraf. „Einige Häftlinge waren erst 13 Jahre alt. Sie wurden alle in das städtische Gefängnis gestopft. Zehn in eine Zelle, so daß jeweils vier auf dem kalten Steinfußboden schlafen mußten. Sie wurden gezwungen, schwere Zementsäcke und Baustoffladungen zu schleppen. Man drohte ihnen, sie nur am Leben zu lassen, wenn sie härter arbeiteten. Schläge der Holzmann-Meister und Hunger gehörten zur Routine.“