Wenn in einer Fernsehdiskussion, bei der der geplante Standort der Bayerischen Staatskanzlei am Münchner Hofgarten zur Debatte steht, alle Teilnehmer von vornherein darin übereinstimmen, daß der Bau am vorgesehenen Ort möglich sei, dann ist das Ausgewogenheit auf bayerisch. Und wenn in dieser Diskussion nie von Franz Josef Strauß – der dieses Gebäude ja erst als Pensionär besuchen wird – die Rede ist, sondern immer vom Herrn Ministerpräsidenten (was meist wie eine leicht modernisierte Version von „Seine Majestät“ klang), dann kann man sich leicht vorstellen, welche Schwierigkeiten bayerische Landeskinder und seßhaft gewordene Zug’roaste haben, ihre obrigkeitsstaatliche Ängstlichkeit in den Griff zu bekommen.

Es traut sich eben keiner, dem Ministerpräsidenten, der sich als Demokrat mit Geschichtsbewußtsein versteht, einmal offen zu sagen, daß die Errichtung einer Staatskanzlei an dieser Stelle ein Anachronismus wäre und zudem die Demonstration einer immerhin merkwürdigen Auffassung von Demokratie. Über Demokratie läßt sich mit Politikern, die eine solide Mehrheit hinter sich wissen, schwer streiten.

Es dürfte immerhin aber unstrittig sein, daß der moderne Verfassungsstaat nur historisch, nicht auch inhaltlich der Nachfolger der Monarchie ist – und es sich aus diesem Grunde verbietet, daß der höchste Repräsentant des Freistaates in einem eigens angefertigten Schloß amtiert. Das Unechte der Architektur ist peinlich, peinlicher noch die dabei zum Vorschein kommende Pseudomorphose, das Hineinschlüpfen in eine vorgeprägte, aber überholte Form, und am allerpeinlichsten das mangelnde Gespür für den Symbolcharakter von Architektur – die Kuppel, die die Staatskanzlei überwölben soll, ist nun einmal der zentrale Teil des ehemaligen Armeemuseums, das dem Ruhm bayerischer Kriegstaten gewidmet war. Wenn man die Kuppel nicht abreißen will, könnte man sie als Fragment stehen lassen. Zusammen mit dem Reiterdenkmal und dem Ehrendenkmal für die Gefallenen davor wäre die Kuppel dann ein eindrucksvolles Memento mori.

Damit wäre der Weg frei für eine Neuplanung, die im Ergebnis dem Selbstverständnis der Demokratie als Bauherrn entspräche – und in diesem Fall müßte die Staatskanzlei auch nicht an der vorgesehenen Stelle gebaut werden. Wo sie städtebaulich sinnvoll an einem ihrer Bedeutung gemäßen Ort anzusiedeln wäre, ist noch offen. Bei einem Internationalen Architektensymposion, das am vergangenen Wochenende stattfand, hat man immerhin versucht, Perspektiven anzudeuten, die für einen weiteren (und diesmal wirklich letzten) Wettbewerb nützlich sein könnten. Über die Vorschläge, die der Architekt Stephan Braunfels gemacht hat (und die die Diskussion eigentlich erst auslösten), ist man allerdings nicht hinausgekommen.

Nach wie vor hat man das eigentliche Problem – die Priorität einer städtebaulichen Gesamtlösung vor der Verwirklichung einzelner Bauten, konkret also der Staatskanzlei – nur erst rhetorisch im Griff. Nun will man sich bald auf einer Klausurtagung mit geladenen Experten der Frage konkret nähern – und dafür ist es auch höchste Zeit. Denn die „Denkpause zur Entwicklung konzeptioneller Alternativen“ wird der Herr Ministerpräsident allenfalls nolens volens gewähren, falls er ein klar umrissenes Programm auf den Tisch bekommt, das ihn und seine Staatskanzlisten zum Umdenken zwingt.

Helmut Schneider