Endlich ist es geschafft. Nach 72 Partien, rund 300 Stunden und 2500 Zügen, gibt es einen neuen Weltmeister am karierten Brett. Mit Zügen, die der 22jährige neue Weltmeister Garri Kasparow selbst als irregulär charakterisiert, hat er nicht nur seinen Gegner aus dem Konzept gebracht, sondern auch die Winkelzüge der von ihm so genannten „Karpow-Clique“ im sowjetischen und internationalen Schachestablishment entlarvt. In einem gefährlichen Mattnetz verfing er sich nur, als er die Tricks des Breschnjew-Freundes Karpow und seiner Figuren in den Verbänden öffentlich als „schmutzig“ brandmarkte und ihn der sowjetische Schachverband für zwei Jahre sperren wollte. Da mußte Kasparows aserbeidschanischer Landsmann Geidar Alijew, Mitglied in Gorbatschows neuem Politbüro, persönlich eingreifen und dem ungestümen Garri Match und Sieg erlauben.

Als sich dieser abzeichnete, steckte das Sportministerium vorsichtig Friedensfühler aus und gratulierte halb-herzlich: „Hauptsache, der Titel bleibt in der Sowjetunion.“ Auch der siegestrunkene Garri versprach Besserung; er werde ein guter Sowjetbürger sein. Ende gut, alles gut.

Ende? Fraglich ist, ob Kasparow innerhalb des nächsten halben Jahres zu dem Revanchekampf antreten wird, den er schon öffentlich als „ungerecht“ bezeichnete und privat als „unter Druck versprochen“ ablehnte.

Recht hat er. Noch mal 24 Partien gegen Karpow, das halten wir alle nicht aus. Schließlich wollen auch wir noch mal gegen Garri spielen.

W. R.