Von Henning Vormweg

Du bist mein Weltuntergang – hat er gesagt.“ Cosimas Stimme spricht es, während Cosima sich selbst, „demütig und triumphierend“, im Spiegel anlächelt. Und Cosima schreibt in ihr Tagebuch: „Unser höchstes Lebensziel bleibt: gemeinsam sterben.“

Richard allerdings sorgt auch für Kontrast: „Das schrecklichste, sagt Calderón, das schrecklichste aller weltlichen Übel ist: glückliche Liebe.“ Und bekennt bald darauf: „Kurz, so glücklich ist kein Mensch, wie ich.“ Als es schon fast zu Ende ist, nach Höhen und Tiefen, viel Familienalltag, Quälereien, abschweifenden Verliebtheiten, strangulierender Krankheit, unaufhaltsam wachsendem Ruhm, resümiert Richard: „Was wir machen – was wir beide miteinander machen, das glückt nur alle fünftausend Jahre. Oder alle zehntausend. Oder es ist noch nie gelungen.“

Nichts wohl ist unter Menschen der Trivialität näher als das nach außen gestülpte Private, insbesondere bei Liebes- und Ehegeschichten. Nach außen gestülpt – das bedeutet ja immer auch: Bedeutung, Beispielhaftigkeit, Vorbildlichkeit beanspruchend. Selbst die Geschichten berühmter Paare entkommen der Trivialität nicht. Nicht einmal, ja vor allem nicht die Liebes- und Ehegeschichte von Richard und Cosima Wagner. In solchem Beispiel allerdings gewinnt – Weltruhm und das durch ihn immer neu stimulierte öffentliche Interesse machen es möglich – noch und gerade das Triviale Bedeutung, erlangt es eine Vorbildlichkeit, an der das zumindest im Trivialen stets ähnliche individuelle Erleben jedermanns sich vergleichen und prüfen kann.

So der Ansatzpunkt in Reinhard Baumgarts „Wahnfried – Bilder einer Ehe“, in dem „alle Szenen erfunden (sind), die Personen nicht“, und oft auch die Worte nicht. Baumgart konnte und kann zu Recht davon ausgehen, daß wohl jedem, der das Buch zur Hand nimmt, die Geschichte und die Geschichten, die es abbildet, bekannt sind, fast so bekannt wie die Namen des Heldenpaares Richard und Cosima Wagner, die Namen von Friedrich Nietzsche und Franz Liszt, und an die Wagner-Kinder, an Hans von Bülow, dem Cosima Richards wegen davongelaufen ist, Malwida von Meysenbug, Carrie Pringle und die anderen erinnern sich selbst weniger gut Informierte dann schon aus dem Zusammenhang. Daß der Stoff dieser „Bilder einer Ehe“ historisch und zumindest vage allgemein bekannt ist, begründet ihren speziellen Reiz und ermöglicht überhaupt erst jene Indiskretion auf weitere Distanz, die kaum merklich, doch unverkennbar all die Liebes- und Ehegeschichten auch noch von heute ins Spiel zieht. Größe und Ruhm hin, Größe und Ruhm her – an dem Paar Richard und Cosima läßt so manches vielleicht geringere Eheglück und -unglück sich durchaus messen.

So jedenfalls, zeigt es Reinhard Baumgart in seiner spannungsreicnen Bilderfolge. Es ist keineswegs nötig, Wagnerianer zu sein, um an seinem Buch Gefallen zu finden; für Wagnerianer ist sogar die erfinderische Genauigkeit, mit der Baumgart aus detaillierter Kenntnis des vielschichtigen Stoffes seine Bilder zeichnet und ausbreitet, wohl eher ein bißchen ärgerlich. Als Lebensgrund des Wagnerschen Großwerks nämlich entblößt sich am Beispiel der Ehegeschichte etwas fast penetrant Allzumenschliches, eine von großen Ambitionen und Gesten übertünchte, von Musik und Theater grandios überkuppelte, dadurch fast tragische Gewöhnlichkeit, an der geheimnisvoll nur ist, wie sie sich kaschiert. Ehebruch, Liebesschwüre, Enttäuschung, Eifersüchteleien, Genußsucht, ziemlich scheinhafte Treue und auch die Vorurteile stellen sich dar im gehobenen Stil des 19. Jahrhunderts. Was bedeutet: Immer mit dem Bedürfnis, sie im Höheren aufzuheben – im großen Musiktheater oder eben, wo das Talent fehlt, im Dienst für den zum Weltruhm aufstrebenden genialen Musikschöpfer.

Das Scheinhafte fast aller Ideale und Schwüre, insbesondere der Eheideale und Liebesschwüre macht Baumgart in einem Punkt mit besonderem Nachdruck klar. Irgendwann, als in Tribschen die Beziehungen noch herzlich sind, stellt der junge Philosoph Friedrich Nietzsche hoch über alle die umlaufenden hehren moralischen Ansprüche nackt und direkt „die Moral, die in unserem Leibe waltet“, eine Moral ganz ohne Seele und Geheimnis.