ZDF, Sonntag, 10. November: „Typisch fünfziger Jahre Film von Gerwin Dahm.

Als der hessische Landeskonservator Gottfried Kiesow und seine Kollein Hiltrud Kier aus Köln auftraten, war es klar, daß die eben vergangene Gegenwart schon in die Geschichte eingeordnet worden ist, daß der Verbrauch geendet und die Bewahrung begonnen hat, mehr sogar: der Ehrgeiz nach dem nun möglichst wieder herzustellenden Originalzustand. In diesem Film wurde eine dreiviertel Stunde lang vor Augen zu führen versucht, was denn nun so „typisch fünfziger Jahre“ war. Zwar konzentrierte sich das Thema auf die „Architektur zwischen Wiederaufbau und Wohlstand“, aber es war kein schlechter Einfall, es mit Farben aus dem Alltag zu beleben: mit Petticoat und Corsage, mit Vespa und Tütenlampe, mit Filmen (wie der „Sünderin“) und Rock ’n’ Roll.

Und da fand Gerwin Dahm auch seinen dramaturgischen Kniff: Er ließ den Zeitzeugen Peter Kraus als „Moderator“ auftreten und den roten Faden knüpfen. Es war ein Versuch, dem Gegenstand einen populären Rahmen zu geben – eine Anstrengung, die man dem ganzen Film anmerkte. So wurde daraus keine halbwegs analytische Betrachtung, sondern eine Plauderei. So fand man gescheite Leute wie den Soziologen Lucius Burckhardt und einen so erfolgreichen Architekten wie den achtzigjährigen Düsseldorfer Helmut Hentrich der Zufälligkeit von Stegreifgesprächen wie bei rasch improvisierten Straßenreportagen ausgesetzt: nicht uninteressant, aber unsystematisch – so wie die Auswahl und wie das immer etwas flüchtige Arrangement der Bilder,

Man spürte, daß einem großen Publikum zur besten Stunde nur ein allgemeiner Eindruck von der deutschen Bauwelt der fünfziger Jahre vermittelt werden sollte. Und so blieb es bei meistens allgemeinen Informationen. Von Gebäuden, erfuhr man selten, wo sie stehen und wer sie entworfen hat, bekam selten ein Bild vom städtischen Zusammenhang, in dem sie sich befinden. Man sah nur dies und das, was gerade zur Hand oder in der Nähe war, stilistische Symptome, bekam dazu flüchtige Hinweise auf stilistische Quellen und auf Einfälle der Zeit (wie Kunst am Bau), wurde ein wenig genauer nur mit ein paar offensichtlich pfleglich erhaltenen Gebäuden (einem Hotel, einem Kino) bekanntgemacht, der Eigenart ihrer teils trivialen, teils transparenten, dabei überraschend zukunftsfrohen Eleganz, erfuhr auch das eine und das andere über den Städtebau und hatte am Ende sicherlich ein ungefähres Bild von den fünfziger Jahren. Nur: es war eine sehr betulich schweifende Skizze, schiefrund. Und die Einlagen zur Illustrierung der Zeit – eine Modenschau zum Beispiel – blieben im Gegensatz zu den Filmszenen enttäuschend fad. Manfred Sack