Von Hans Jakob Ginsburg

Ein stiller Gehilfe reicht das Fernschreiben dem Chef, der es überfliegt und es lächelnd dem Besucher weiterreicht. "Daß ist der Alltag in Afghanistan – wir dringen überall vor, lesen Sie selbst!" Adressat ist das "Informationsbüro der afghanischen Modjahedin" in Bonn, Absender das Büro der Gruppe in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, Tausende Kilometer vom beschriebenen Geschehen entfernt, trotzdem Zentrale für die Kriegsberichterstattung der afghanischen Sowjetfeinde. Der Kampfbericht beschreibt vier Aktionen der Guerilla in der letzten Oktoberwoche, bei denen 20 Rebellen und mindestens 200 sowjetische oder afghanisch-kommunistische Gegner ums Leben gekommen sein sollen.

Westliche Journalisten berichten derweil aus Kabul vom langsamen, aber sicheren Erfolg der Sowjets im Kampf gegen die islamischen Widerständler; ihre afghanischen Schützlinge errichteten ein stabiles kommunistisches Regiment nach Moskauer Vorbild. Die sowjetische Luftwaffe hat viele Dörfer grausam bombardiert, in denen die Freischärler Unterschlupf fanden – die Überlebenden, bald ein Zehntel der afghanischen Bevölkerung, sind nach Pakistan und in den Iran geflohen. Die Aufstandsbewegung – in mindestens sechs verfeindete Untergruppen gespalten – rekrutiert neue Kämpfer unter den Flüchtlingen, kann aber die Lücken nicht schließen, die der Krieg reißt.

Mindestens 50 000, vielleicht 100 000 Mann sind im Kampf gegen die Rote Armee und ihre afghanischen Bundesgenossen gefallen. Sie sind offenbar dem technisch überlegenen Feind nicht gewachsen: Ihre Ausbildung ist miserabel, ihre Führer können sich nicht auf eine gemeinsame Strategie verständigen, der Kleinkrieg hat viele mit großen Verlusten erkaufte Erfolge, aber keinen einzigen Durchbruch erbracht.

Das alles aber ist falsch. Reporter und Analytiker entwerfen ein solches Bild nur, weil sie den Heiligen Krieg der islamischen Kämpfer nicht zu würdigen wissen. Das sagt in Bonn einer, der stolz darauf ist, selbst erst vor vier Wochen vom letzten Einsatz im feindlich besetzten Heimatland zurückgekehrt zu sein, ein Führer, der Ende Oktober in New York die UN-Vollversammlung dazu bewegen wollte, den Kommunisten in Kabul den afghanischen Sitz in der Weltorganisation abzuerkennen und ihn zum rechtmäßigen Oberhaupt des besetzten Landes zu erklären: Gulbuddin Hekmatyar, Chef der Partisanengruppe "Islamische Partei", einst Student der Ingenieurwissenschaften in Kabul, heute Exilant in Peschawar, der pakistanischen Ausgangsbasis der afghanischen Freischärler. Nach Deutschland kam Hekmatyar, um seine Anhänger aufzumuntern, wohlmeinende Bonner Politiker über die Zustände in seiner Heimat aufzuklären und bei wohlhabenden Glaubensgenossen Geld für seinen Krieg zu sammeln.

Ist Gulbuddin Hekmatyar größenwahnsinnig? Am Sieg seiner heiligen Krieger – das Wort "Mudschaheddin" leitet sich von dem arabischen Begriff für den Heiligen Krieg ab – hat er nicht den geringsten Zweifel: Die Russen mögen eines Tages die Lust am Krieg in den zentralasiatischen Hochtälern verlieren, seine Glaubenskämpfer nie. Keine islamische Regierung der Welt denkt daran, die Freischärlerführer in Peschawr als Gegenregierung anzuerkennen; Hekmatyar strebt trotzdem in die Vereinten Nationen und sieht sich ohne Selbstzweifel an der politischen Spitze eines befreiten Afghanistan.

Unter einer großen grünen Fahne mit der arabischen Inschrift "Gott ist groß" sitzt ein Mann, der keine andere politische Konstellation kennt als den Glaubenskrieg. Vor 37 Jahren in einer Bauernfamilie unweit der Grenze zur Sowjetrepublik Tadshikistan geboren, wurde der fromme Muslim Gulbuddin Hekmatyar als Student zum Gründer einer Partei, der schon die vorsichtige Verwestlichung des Landes unter dem erzkonservativen König Sahir und seinem republikanischen Nachfolger Daud in den siebziger Jahren zu weit ging. Hekmatyar saß in Kabul im Gefängnis und in Pakistan im Exil, noch bevor die Freunde der Sowjets ihr Regime errichteten. Daß er unter den vielen Guerillaführern zum Prominentesten wurde, verdankt er nach Meinung vieler Beobachter seiner Skrupellosigkeit in den teilweise blutigen Machtkämpfen unter den Flüchtlingen. Wichtiger mag sein, daß Hekmatyar ungewöhnlich gut englisch spricht.