Von Roger de Weck

Paris, im November

Die Beziehungen zwischen Frankreich und der Bundesrepublik sind von Amts wegen immer „gut“. Auch wenn trotz aller Anstrengungen nichts vorankommt, bleiben sie „gut“. Es mag indessen an der Zeit sein, diese angeblich unverzichtbare Vokabel und das Rituell seiner Anwendung zu überdenken. Bewußt oder unbewußt wird jeweils zweierlei vermengt, das klar unterschieden werden müßte. „Gut“ ist das Verhältnis allemal, wenn es um das historische Ereignis der Versöhnung der Franzosen mit den Deutschen geht. Doch heute geht es aus französischer Sicht nicht mehr darum, die Vergangenheit, sondern die gemeinsame Zukunft zu bewältigen. Und da scheint in Paris die Meinung überhand zu nehmen, daß es derzeit um das deutsch-französische Einvernehmen nicht eben gut bestellt ist.

Das Ergebnis des 46. Gipfeltreffens vergangene Woche in Bonn hat die in Frankreich allmählich um sich greifende Skepsis nicht zu dämpfen vermocht. Daß auf beiden Seiten des Rheins die Diplomaten es bald leid sind, einen Mantel schöner Worte über die Schwierigkeiten zu breiten, wird natürlich offiziell nicht zugegeben. Vier Monate vor den Parlamentswahlen kann es sich Präsident Mitterrand nicht leisten, seine Besorgnis über den komplizierten deutschen Partner allzu deutlich auszusprechen. Zwar spielt Außenpolitik in der Regel Kaum in französische Wahlkämpfe hinein. Aber das deutsch-französische Verhältnis bleibt gleichwohl ein besonders sensibler Bereich.

Durch jene Sprache der Verschleierung, die viele Franzosen und allen voran ihr Präsident meisterhaft beherrschen, schimmert indessen Mitterrands tatsächliche Gemütslage: Die Tischrede, die er im Palais Schaumburg hielt, hörte sich stellenweise wie eine ausgesucht höfliche Standpauke an. Es mühte sich der duldsame Lehrer Mitterrand um seinen ungelehrigen Schüler Kohl und gemahnte ihn wohlweislich an „die Verantwortung, die auf Ihnen ruht, der Sie an der Spitze dieses Landes stehen“. Der Präsident fragte, „ob wir uns hinreichend bewußt sind, daß ohne die deutschfranzösische Zusammenarbeit die Völker in Europa wenig Zukunft hätten“. So penetrant stellte er Satz für Satz die Notwendigkeit der Einheit und der Unabhängigkeit Europas heraus, daß es fast den Anschein hatte, er zweifele an der Zielstrebigkeit seines deutschen Partners. François Mitterrand, sagte in Bonn von sich selber, daß er „große Geduld“ hat. Er weiß: „Ein Haus wird nicht in einem Tag gebaut.“ Allerdings müsse das Ende abzusehen sein, „sonst verliert man die Geduld“.

Andere machen keinen Hehl aus ihrer wachsenden Ungeduld. Der Präsident der Europäischen Kommission, Jacques Delors, hielt Ende Oktober in Offenburg eine auffallend schwarzmalerische Rede. In den Beziehungen zwischen Paris und Bonn sei „mehr als bloß eine Malaise“ festzustellen. Auf das deutsch-französische Tandem, das sich bisweilen herrschsüchtig gebe, bisweilen aber in Passivität verharre, sei kein Verlaß mehr. Der Franzose Delors glaubte zu spüren, „daß sich die Deutschen vom europäischen Ideal entfernen“. Wenn es auch Jacques Delors’ Wesen entspricht, sich pessimistisch zu äußern, und er obendrein die schleppende Luxemburger Regierungskonferenz über die EG-Reform aufrütteln wollte, waren seine Worte dennoch ungewöhnlich undiplomatisch.

Ungewohnt waren ebenso die Kassandrarufe des früheren französischen Außenministers Jean François-Poncet. In zwei Leitartikeln für das oppositionelle Kampfblatt Le Figaro zeichnete auch er ein düsteres Bild. „Zum Glück bleiben die Beziehungen herzlich, und die Kommuniqués sind tröstlich. Aber es ist zu befürchten, daß trotz dieses schönen Lacks von der deutsch-französischen Entente bald nur noch eine leere Schale übrigbleibt“, schrieb er Ende August. Letzte Woche gab er sich im zweiten Artikel noch niedergeschlagener: „Die deutsch-französischen Beziehungen sind nicht mehr das, was sie einst waren. Dem Schein nach sind sie gut geblieben, unter der Oberfläche aber haben sie sich bedrückend verschlechtert.“