Wechselvoll war sein Leben, tragisch sein Ende. 1910 als Kind jüdischer Eltern in Long Island geboren, deutete alles auf eine Mittelstandskarriere. Und in der Tat: er wurde Offizier bei der amerikanischen Marine, später Finanzmakler in der Wall Street. Die gesellschaftlichen Veränderungen der späten sechziger Jahre machten ihn zum Aussteiger, der als Anti-Kriegsdenonstrant seine politische Position öffentlich vertrat. Eine politische Karriere hatte er zu jenem Zeitpunkt vermutlich noch nicht im Sinn. Erst als er in den siebziger Jahren nach San Francisco zog, bewarb er sich um politische Ämter. 1977 schließlich, in die Abgeordnetenversammlung gewählt, macht sein Name die Runde: Harvey Milk.

Er war der erste amerikanische Politiker, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte. Das jedoch bedeutete nicht, daß er sich nur dieser Randgruppe annahm. Er war ein Politiker, für den Bürgernähe kein leeres Wort war. Rassische Minderheiten, ältere Mitbürger, Gewerkschaftsmitglieder: Harvey Milk hatte für alle und alles ein offenes Ohr. Sein größter und für ihn und seine Freunde schönster Erfolg war die Verabschiedung einer Gesetzesvorlage zur Sicherung der Rechte Homosexueller. Einer jedoch, der konservative Abgeordnete Dan White, wertete das als ein Zeichen „des moralischen Verfalls der Stadt“. Wenn auch von Enttäuschung und Bedrängnis bestimmte Motive ihn trieben, so war diese Gesetzesvorlage Auslöser für einen Akt blinder Gewalt. Dan White erschießt den Bürgermeister von San Francisco George Moscone und Minuten später Harvey Milk.

Der junge Regisseur Robert Epstein, der zuvor als Cutter arbeitete und für seinen ersten Dokumentarfilm den Oscar 1985 erhielt, hat kein Heldenepos zusammengeschnitten, vielmehr aus Fernsehaufnahmen, Bildmaterial und Interviews ein lebendiges Porträt des Menschen Harvey Milk entworfen. Weder emotionale Ausbrüche noch Eitelkeiten werden verschwiegen. Den Freuden Milks begegnet Epstein mit Geduld und Mitgefühl, so daß dessen Bild mit jedem Interview deutlicher wird. Für den Täter Dan White läßt sich Epstein ebenfalls Zeit. Nachbarn werden befragt seine Ehefrau kommt zu Wort. Das Urteil des Gerichts freilich findet in Epstein einen harten Kritiker. Er bezieht Stellung: für die Sache der Minderheiten, gegen eine beeinflußbare Justiz.

Dan White, zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er fünf Jahre verbüßte, nahm sich vor wenigen Wochen das Leben. Anne Frederiksen