Der Journalist schreibt für den Tag, er ist ein Tagesschreiber. Deshalb steht er Veröffentlichungen seiner Artikel in Buchform skeptisch gegenüber. Macht es Sinn, Beiträge lange Zeit, nachdem sie in der Zeitung gestanden haben, noch einmal zu drucken? Der größte Teil aller Leitartikel, Analysen, Reportagen und Porträts ist schnell vergessen, er taugt allenfalls etwas fürs Archiv. Gelegentlich aber gibt es Zeitungsartikel, die nicht so vergänglich sind. Es lohnt sich, sie wieder zu lesen.

Hanno Kühnert, unser streitbarer und engagierter Mitarbeiter, hat viele Artikel über rechtliche Fragen geschrieben, die „haltbar“ sind. Sei es, weil er Vorgänge und Mißstände behandelt, die immer noch Vorgänge und Mißstände sind, oder sei es, weil er Überlegungen anstellt, die über den Tag hinausweisen. Im Schweizer Verlag Helbing & Lichtenhahn sind jetzt „Reportagen über Recht“ von ihm veröffentlicht worden. (212 Seiten, 29,80 Mark). Viele dieser Arbeiten sind in der ZEIT gedruckt worden. Zu empfehlen ist, sie noch einmal nachzulesen oder wieder zu lesen, denn mit dem Recht und mit den Juristen tun wir uns schwer.

„Warum eigentlich?“ fragte Hanno Kühnert. Und er schreibt: „... Mir scheint dies für den Stand typisch: die äußerliche Betrachtungsweise. Die merkwürdige Hatz gegen Kommunisten, die im Schuldienst, als Lokomotivführer oder Postboten ordentlich arbeiten, ein Feldzug der von Behörden betrieben und von Gerichten bestätigt wird, liegt auf dieser Ebene. Oder denken wir an die schändlichen Folter-Entscheidungen der Verwaltungsgerichte bei Ausländern. Da wird unterschieden zwischen üblicher Folter (irrelevant) und politischer Folter (relevant), gedankenlose Gedankenakrobatik mit unmenschlichen Folgen. Langfristig nimmt auch der einfache Bürger solchen Irrwitz der Juristenkaste wahr...

Juristen, ob Justitiare, Beamte, Staatsanwälte, leben meist in kräftig ausgeprägten Hierarchien: Sie sind gemäß deutscher Tradition alle noch einmal Sonderuntertanen, was den Kastengeist fördert, nicht aber freiheitliches Denken und Handeln. Anpassung ist gefragt – in Ausbildung und Beruf. Die Zahl der Leidenden innerhalb der Kaste reicht (noch) nicht, diese lange Tradition zu überwinden. Ist es ein Wunder, daß sich das Volk von Geborgenheit noch weit entfernt fühlt?“