Von Wolfgang Thiele

Wer kann bei uns mit einem Notendurchschnitt von 2,6 schon Mediziner werden. Malte aus Rheinland-Pfalz jedenfalls nicht, weshalb er einer von 960 deutschen Medizinstudenten in Italien wurde. Die Apenninen-Halbinsel hält ihre Spitzenstellung weit vor Österreich (589) und Belgien (518) und auch vor den Ostblockländern Ungarn und Rumänien. Die Wiesbadener Statistiker haben im letzten Wintersemester erstmals 569 Medizinstudenten aus der Bundesrepublik gezählt, die sich in den beiden sozialistischen Staaten auf Dollarbasis kräftig zur Kasse bitten lassen.

Sonnenschein kann Italien hinter Universitätsmauern allerdings nicht nur bieten. Deutsche Numerus-clausus-Flüchtlinge müssen sich mit dem anderen Lernsystem und den Wohnproblemen herumschlagen. Und mit der Sprache natürlich, die anfangs eingehend geprüft wird. Damit hatte Malte keine Probleme. „Ob du nun ‚ascesso‘ lernst oder ‚Abzeß‘ ist egal“, meint er. Schwieriger findet er da schon die Art, wie an italienischen Universitäten studiert wird: Man büffelt nach Büchern, deren Titel am Anfang eines Studienjahres bekanntgegeben werden.

Übrigens nicht nur in Medizin, sondern in allen Fächern. Die Bücherlisten gibt es in zwei Versionen, einmal für Studenten, die die Universität „frequentieren“, einmal für solche, die nur zu den Prüfungen kommen, eben nicht „frequentieren“. Sie wohnen weiter bei Muttern irgendwo im Lande und büffeln dort.

Auch eine Methode, dem Wohnungsproblem in italienischen Städten aus dem Weg zu gehen. Wohnungen werden kaum noch vermietet, sondern verkauft – ein negativer Effekt der strengen Mieterschutzgesetze. Schlimmstenfalls muß man sich mit einer Schlafstelle (posto letto) begnügen, wo man natürlich weder Platz noch Ruhe zum Arbeiten hat. Für die Studiosi ohne Bleibe werden nun wiederum Plätze vermietet, an denen sie lernen können. Wie man sieht, gibt es für alles einen Ausweg, auf jeden Fall für den Vermieter.

Malte wohnt in Bologna mit anderen deutschen Studenten zusammen. Sie haben Glück gehabt. Einer von ihnen studiert in Ancona – wohnt und büffelt also in Bologna, um sich auf die „Hämmer“, wie Malte die studienbegleitenden Prüfungen nennt, vorzubereiten, und fährt zu den Prüfungen an die Adria. Auf Bologna umsteigen kann er nicht, denn Ausländer in Italien dürfen die Universität nicht mehr wechseln. Einmal Cagliari, immer Cagliari. Wobei Cagliari eine der Universitäten ist, wo man nach Meinung vieler Deutschen Medizin nicht studieren sollte, weil kleine Universitäten ihren Studenten ein Übermaß an Lernstoff abverlangen im Gegensatz zu größeren, die gezielter vorgehen.

Unser Physikum gibt es in Italien nicht. Multiple-choice auch nicht. Dafür wird man während des Studiums immer wieder vom Professor in den Schwitzkasten genommen. Doch Malte schätzt die „altmodischen“ Prüfungen deshalb, weil mehr „auf Verständnis“ gefragt werde, weil man besser theoretische Zusammenhänge lerne.