München/Essen

Alfons Metzger, Sprecher des bayerischen Innenministeriums, war in den letzten Monaten öfter auf der neuen, hervorragend ausgebauten Autobahn zwischen Nürnberg und dem Altmühltal unterwegs. Er fährt kein besonders schnelles Auto, betont er, sondern einen „ganz normalen Mittelklassewagen“. Aber „wenn Sie nicht dauernd konzentriert auf den Tacho schauen“, hat er festgestellt, „dann fahren Sie automatisch schneller als 100“. Die Strecke, auf der Metzger fuhr, gehörte zu dem inzwischen beendeten „Großversuch Tempo 100“; und wie ihm ging es offenkundig den meisten Autofahrern.

Noch ist die „Vereinigung der Technischen Überwachungs-Vereine e. V.“ (VdTÜV) in Essen, die den Versuch organisierte, damit beschäftigt, die Auswirkung des Tempolimits auf den Abgas-Ausstoß zu ermitteln. Nächste Woche soll das Gutachten der Bundesregierung vorgelegt werden, die dann entscheiden will, ob eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung eingeführt wird oder nicht. Wie die Autofahrer sie akzeptierten, welchen Nutzen sie mithin hätte – dafür gibt es jedoch schon erste Anhaltspunkte. Tendenz: Die sogenannte Akzeptanz läßt noch zu wünschen.

Relativ hoch war sie etwa zwischen Adelsried und Leipheim auf der A 8 München-Stuttgart, wo rund 63 Prozent der Autofahrer nicht schneller als 100 Stundenkilometer, wie vorgeschrieben, fuhren. Metzger: „Das ist eine sehr alte Autobahn, ohne Standspur, in schlechtem Zustand und stark belastet.“

Auf der gut ausgebauten, sechsspurigen A 9 zwischen Nürnberg und München waren die Fahrzeuglenker schon wesentlich unfolgsamer; dort hielten sich nur knapp 37 Prozent an das Tempolimit, bei guter Witterung und wenig Verkehr sogar nur 20 Prozent. Am niedrigsten war die Quote auf jenen zwei Teststrecken in Niedersachsen und Bayern, an denen zusätzlich das Schild „Großversuch“ angebracht war; nur 16 Prozent fuhren dort nicht schneller als 100. „Die Autofahrer haben wohl gedacht“, vermutet Metzger, „das seien keine verbindlichen Verkehrszeichen.“

Gleichwohl habe der Versuch insgesamt eine „dämpfende Wirkung“ gehabt, sagt Heinrich Holte, Leiter der Verkehrsüberwachungsbereitschaft beim Regierungspräsidium in Münster, in deren Zuständigkeit mehrere Teststrecken lagen. Holte: „Es wurde langsamer gefahren, aber immer noch schneller als 100.“ Über der unverbindlichen Richtgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern lagen indes nur wenige. Ministeriumssprecher Metzger: „Nur zwei bis acht Prozent fuhren mit hoher Dauergeschwindigkeit.“

Jenen „Ziehharmonika-Effekt“ früherer Jahre gebe es heute nicht mehr, bestätigt Bernd Richter, Leiter der Autobahn-Polizeistation Wiesbaden. Schon vor dem Großversuch habe er festgestellt, daß „die ganz großen Spitzen, also 160, 170 Stundenkilometer, kaum noch vorkommen“.