Von Joseph Hanimann

Die jüngsten Formen von hilfloser Pragmatik und konfusem Neo-Liberalismus sind politische Folgen der Unsicherheit, die seit fünfzehn Jahren alle großen Gesellschaftsprojekte befallen hat. Von einer „Linken“, die ehemals auf russisch, chinesisch oder kubanisch stracks in die Freiheit marschieren wollte, bleiben zum einen jene, die in irgendwelchen gemäßigten Vorhimmeln auf die Füße und dann auf Verantwortungsposten gestellt wurden; bleiben zum anderen die, deren Trauer über die mißglückte Zukunft zur Attitüde der Ratlosigkeit geriet.

Und es bleibt die realistisch entlaubte Utopie vom konkreten Fall zu Fall. Denn während die politischen Horizonte schrumpften, stellte sich die Frage der Zukunft plötzlich mitten in unseren Städten und Landschaften: als eine des (nicht nur politischen) Überlebens. Der Geschichtsbegriff ist unwichtig geworden. Weder die Furcht um „unseren kleinen Wald“, noch die polnischen, iranischen oder vietnamesischen Verhältnisse passen ins System; mit der umfassenden gesellschaftlichgeschichtlichen Theoriebildung scheint es vorerst (wieder) vorbei. „Wenn man, um eine Geschichtstheorie zu haben, so ziemlich alles ausschließen muß aus der Geschichte, außer dem, was sich ein paar Jahrhunderte lang auf einem dünnen Streifen Erde um den nördlichen Atlantik ereignete, dann ist der Preis wirklich zu hoch; es ist besser, die Geschichte zu behalten und die Theorie abzuweisen.“ Das sind nicht die Worte eines politischen Stegreif-Theoretikers, sondern eines Mannes, der seit dreißig Jahren Geschichte außerhalb von geschlossenen Systemen zu denken versucht.

Der in Paris lebende griechische Philosoph Cornelius Castoriadis ist einer der großen politischen Denker im Europa der Nachkriegszeit. Er ist auch einer der beharrlichsten: Es gibt wenige spektakuläre Brüche und Wendungen in seinem Leben. 1922 geboren, studierte er Rechte, Wirtschaft und Philosophie in Athen. 1942 schloß er sich Spiros Stirnas’ trotzkistischer Gruppe an, bei der er bis Kriegsende blieb. 1945 kam er nach Frankreich. Zusammen mit dem französischen Soziologen Claude Lefort begründete er eine Gruppe, die 1948 mit dem Trotzkismus brach. Diese Gruppe gab im März 1949 den ersten Band der berühmt gewordenen Zeitschrift Socialisme ou Barbarie (Sozialismus oder Barberei) heraus. Die 40 Nummern dieser Zeitschrift haben siebzehn Jahre lang eine Generation französischer Intellektueller in ihrem politischen Denken geprägt. Die Zeitschrift verstand sich als Instrument eines politisch-revolutionären Projekts, bis sie 1966, als die Revolutionsidee inflationär zu werden begann, ihr Erscheinen einstellte.

Seit den frühen 50er Jahren stellte Castoriadis in seinen Zeitschriften-Beiträgen (die 1973 in der französischen Taschenbuchreihe „10/18“ neu aufgelegt wurden) immer wieder die Frage nach dem Verhältnis von Bürokratie und Revolution, die sich später zum großen Thema weitete: Institution und Veränderung. Die Entwicklung des Stalinismus etwa ist demnach, entgegen der damals verbreiteten (trotzkistischen) Auffassung, nicht einfach ein Unfall, sondern eine dem Bolschewismus inhärente Erscheinung. Aus den Ereignissen in Ost-Berlin, Polen, Ungarn und Jugoslawien zog Castoriadis reiches Dokumentationsmaterial und wurde so zu einer Zeit, als namhafte Vertreter der westeuropäischen Intelligenzia noch sympathisierend nach Moskau blickten, ein heftiger Kritiker des sowjetischen Systems (ohne deshalb in die schöngeistige nordatlantische Freiheitsweise einzustimmen). Exaktem Quellenstudium und scharfer Analyse der sowjetischen Verhältnisse verdanken diese Texte, daß sie auch heute noch lesenswert sind, gerade nachdem das politische Denken in Europa sich zu lang am „Gulag-Effekt“ betörte.

Ist der eine Aspekt von Castoriadis’ Beiträgen zu Socialisme ou Barbarie negativ – Kritik des sowjetischen Modells – so ist der andere positiv. Er betrifft den „Inhalt des Sozialismus“. Sozialismus wird nicht einfach verstanden als Verstaatlichung und Planung unter Führung der Partei, sondern als gesellschaftliche Selbstbestimmung, bei größtmöglicher Dezentralisierung. „Eine selbstbestimmte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der alle Entscheidungen von dem Kollektiv gefaßt werden, das jeweils betroffen ist vom Gegenstand dieser Entscheidungen.“ Konkreter: „Beschlüsse, die die Arbeiter eines Betriebs betreffen, werden von den Arbeitern dieses Betriebs gefaßt; jene, die mehrere Betriebe zugleich betreffen, von der Gesamtheit der betroffenen Arbeiter oder ihrer gewählten und abwählbaren Vertreter; jene, die das ganze Unternehmen betreffen, vom gesamten Personal des Unternehmens; jene, die ein Wohnquartier betreffen, durch die Einwohner des Quartiers; jene, die die ganze Gesellschaft angehen, von der Gesamtheit der Männer und Frauen, die darin leben.“

Das klingt antiquiert für unsere altklug gewordenen 80er Jahre. Es kommt noch schöner: Die Beziehung zwischen Gehalt und Ertrag ist aufzuheben, das heißt: gleicher Lohn für alle, unabhängig von Qualität und Quantität der Arbeit. Wichtig wäre nun, solche Überlegungen nicht einfach als angeschimmelte Utopie pauschal zurückzuweisen, sondern zu untersuchen, wieviel von ihrem Geist relevant bleibt nach unseren zaghaften Erfahrungen mit Bürgerinitiativen und betrieblicher Mitbestimmung.