Anpassung (Adaptation, Adaption)

Dieses Wort wird in der Biologie in mehreren unterschiedlichen Bedeutungen benutzt; seine Kontexte unterscheiden sich derart voneinander, daß kaum Anlaß zu Mißverständnissen besteht.

Anpassung kann sich auf den im Laufe der Evolution stattfindenden Wandel beziehen, der einen Organismus für seine Lebensweise oder seinen Lebensraum tauglich macht (die Flügel der Vögel passen diese an den Flug an, die Rüssel der Ameisenfresser diese an das Fressen von Insekten); in einem gewissen Sinne ist die gesamte Evolution Anpassung.

Der Begriff bezeichnet ebenfalls eine Veränderung in der Lebensweise eines Einzelorganismus, dank deren er mit den Gefahren, denen er durch seine Umwelt ausgesetzt sein kann, besser fertig wird. Eine solche Anpassung ist die Bildung von Hühneraugen oder Schwielen an den Stellen, wo der Schuh drückt, eine andere die Bildung eines Antikörpers gegen einen infektiösen Organismus. Adaptive Veränderungen dieser Art werden nicht im Genom aufgezeichnet und sind daher nicht vererbbar.

Atavismus

Im Zusammenhang mit Sinneswahrnehmungen bezieht sich „Anpassung“ auf die Tatsache, daß ein andauernder gleicher Sinnesreiz schließlich keine Information mehr vermittelt; betritt jemand einen Raum, in dem sich eine Vase mit Rosen befindet, so wird er sie wohl zunächst riechen, aber später nimmt er sie nicht mehr wahr. Ganz anders beim Ticken einer Uhr, das, wenn es sich unserer Aufmerksamkeit entzogen hat, durch eine konzentrierte Bemühung sofort wieder zum Bewußtsein gebracht werden kann. Es ist ein verbreiteter Irrtum zu glauben, Kaugummi gewinne sein Aroma zurück, wenn er aus dem Mund genommen und, sagen wir, unter einem Stuhl „geparkt“ wird. Wiedergewonnen wird nicht das Aroma, sondern die Fähigkeit, es zu schmecken. ujAls J. L. Down im Jahre 1866 jene Entwicklungsstörung, die humane und gebildete Menschen heute Down-Syndrom nennen, als Mongolismus bezeichnete, tat er das, weil er darin eine Degenerationserscheinung sah, einen Rückfall in einen Zustand ferner menschlicher Vorfahren, der vermeintlich dem der heutigen Mongolen ähnelte.

Ähnlich deutete der italienische Kriminologe Cesare Lombroso (1835-1909) „verbrecherische Gesinnung“ als Folge eines Atavismus, als Rückfall in einen niederen, primitiven menschlichen Zustand. Diese Idee paßte gut zu den dunklen und verworrenen Vorstellungen von Verer-20. Jahrhunderts herrschten, sowie bei „Denkern“ – falls diese Bezeichnung nicht allzu weit hergeholt ist – wie Max Nordau, dessen populäres und einflußreiches Werk „Degeneration“ (1898) Lombroso gewidmet war. Nordau stellte fest, daß Richard Wagner, Henrik Ibsen und Oscar Wilde allesamt in unterschiedlichem Maße degeneriert gewesen seien.