Seit 1964 sorgt der Sachverständigenrat für Ärger und Anregung

Von Peter Christ

Jeweils im September läßt sich Hans Karl Schneider für drei Monate als möblierter Herr in Wiesbaden nieder. Die Studenten an der Uni Köln bekommen den Wirtschaftsprofessor dann nur noch montags zu Gesicht. Denn für Schneider hat im Herbst seine Arbeit als Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) Vorrang. Am 15. November, so steht es im Gesetz, sollen die fünf Professoren, die den Rat bilden, ihre Jahresgutachten bei der Bundesregierung abliefern. Meistens wird es etwas später, so auch in diesem Jahr.

Bundeskanzler, Wirtschafts- und Finanzminister werden sich wohl erst in der vorletzten Novemberwoche mit artigem Händedruck bei den Gelehrten für das Konvolut bedanken können, das auf rund 300 Seiten die wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik und ihre absehbare Entwicklung beurteilt. Die Zeit drängt also, wenn Schneider und seine vier Kollegen im September nach Wiesbaden umziehen, wo der Sachverständigenrat im 12. Stock des Statistischen Bundesamtes in einer Flucht schmuckloser Büros arbeitet.

Die Arbeitswoche der Ökonomieprofessoren schwillt dann auf sieben Tage an, und Schneider nimmt schon mal gedankenversunken Notizen mit zur Toilette. Für die Arbeit, die keineswegs nur auf die drei Monate im Herbst begrenzt ist, bekommt der Vorsitzende des Rats in diesem Jahr 54 900 Mark, seine Kollegen 49 500 Mark. Das ist viel, gemessen am Durchschnittseinkommen deutscher Arbeitnehmer, relativ wenig, gemessen an den Verdienstchancen von Wirtschaftsprofessoren der ersten Garnitur.

Als Vorsitzender des Rates formuliert Schneider traditionsgemäß die Grundlinien der Wirtschaftspolitik, überdies entwirft er die Ratsposition zur Geld- und Währungspolitik. Eine Richtlinienkompetenz besitzt Schneider nicht, er leitet lediglich die Plenarsitzungen der Sachverständigen.

Seine Kollegen bosseln an anderen Schwerpunkten des Gutachtens. Der Münsteraner Professor Ernst Helmstädter beschäftigt sich mit der politisch sensiblen Lohnpolitik, der Tübinger Dieter Pohmer mit der Finanzpolitik und der Göttinger Ratsnovize Helmut Hesse ist Experte für Weltwirtschaft. Der fünfte Sachverständige Dieter Mertens, ein Arbeitsmarktexperte, fällt in diesem Jahr aus gesundheitlichen Gründen aus.