Die Klassenformierung unter dem Vorzeichen der Prosperität hatte den Effekt, daß die Zugehörigkeit zur Arbeiterschaft nicht mehr die ehemals lebensweltlich umfassende Bedeutung in sich trägt.“ Dieser Satz, der heftig an seinem Politologen-Dialekt würgt, steht in dem Buch

Josef Mooser: Arbeiterleben in Deutschland 1900-1970. Klassenlage, Kultur und Politik; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1984; 304 S., 16,– DM.

Josef Mooser, Historiker in Bielefeld, untersucht in verschiedenen Längsschnitten Zustand und Wandlungen jener gesellschaftlichen Klasse, die nach dem Verständnis des klassischen Marxismus die eigentlich werteschaffende ist. Moosers Titel ist insofern irreführend, als das Deutschland seines Buches ab dem Jahre 1945 nur noch Trizone und Bundesrepublik sein darf; die DDR blieb aus den guten Gründen ihrer völlig anderen sozialen Verhältnisse aus der Betrachtung ausgeklammert. Solcherart den Begriff Deutschland nun auf seinen westlichen Landesteil zu reduzieren, ist jedenfalls für einen historischen Wissenschaftler eine eher kränkende Unbedachtsamkeit.

Mooser zieht es vor, anstelle des bekannt militanten Arbeiterbegriffs von Karl Marx jenen von Max Weber zu setzen; Begründung: Webers größere inhaltliche Neutralität. Der Austausch macht, wie sich im weiteren Verlauf der Untersuchung erweist, nicht viel Sinn. Weber steht näher bei Marx, als es Mooser sich und uns mit seiner Polemik einreden will, Haupteffekt bleibt die heftig vorgeführte antimarxistische Gebärde.

Herzstück des Buches sind 32 statistische Tabellen, die Veränderungen deutsch-proletarischer Zustände zwischen Kaiserreich und Zweiter Republik offerieren. Man erfährt in korrekten Zahlen, was man ohnehin wußte oder zu wissen meinte: daß der Anteil der Arbeiter an der Gesamtzahl der Beschäftigten rückläufig ist, daß der Beschäftigungsanteil der Frauen auch in den Arbeiterberufen anwuchs, daß in der Bundesrepublik die Gewerkschaften schrumpfen, daß die Durchlässigkeit sozialer Schranken für Aufsteiger geringer ist als in Sonntagsreden behauptet. Mooser interpretiert seine Zahlen im Hinblick auf das selbstformulierte Generalthema. Sein Ergebnis: „Kontinuitätsbruch.“ Das klassische Selbstverständnis des Proletariats werde in der Bundesrepublik infolge wirtschaftlichen Fortschritts und zunehmender sozialer Sicherungen, Mooser rubriziert das als „Homogenisierungen“, mehr und mehr aufgegeben zugunsten eines vagen Mittelstandsbewußtseins.

Dieser Erkenntnis wird man nicht grundsätzlich widersprechen wollen, auch wenn dem mannigfache Einzeltatsachen zu widersprechen scheinen, was Mooser nicht unterschlägt. Befragt man freilich die kulturellen Selbstzeugnisse der westdeutschen Arbeiterschaft, damit sind die Texte belletristischer Autoren wie von der Grün, Wallraff, Kroetz, Kühn ebenso gemeint wie die inzwischen umfängliche „Literatur der Arbeitswelt“, sind die Auskünfte vergleichsweise unfreundlich.

Mooser kommt um solche Befragungen gar nicht erst ein, womit er, im offenen Widerspruch zum Untertitel seines Buches, sich selbst um die wichtigere Dimension des Rubrums „kulturell“ bringt; Statistiken liefern eben nicht alles. Moosers heimlicher Sinn scheint auf Befriedung zu stehen. Das ist sein Recht und kann die Wirklichkeit sein, kann sie aber auch nicht sein. Ich denke, das von den Marxisten so genannte „proletarische Klassenbewußtsein“ alter Art ist zwischen Elbe und Rhein nicht so unwiderbringlich verschüttet, daß es durch eine nächste große Erschütterung nicht wieder bloßgelegt werden könnte.

Rolf Schneider