Von Hermann Vinke

Der japanische Dichter Takuboku Ishikawa (1885-1912) hat dem Ueno-Bahnhof im Norden von Tokio eines seiner schönsten Kurzgedichte gewidmet. Es lautet in unübertrefflicher Schlichtheit:

„Wenn das Heimweh kommt, gehe ich zum Ueno-Bahnhof, dort, wo man meine Sprache spricht.“

Ueno – das war und ist seit einiger Zeit wieder das Tor zum Norden, nach Tohoku, das manche Leute abschätzig das „Tibet Japans“ nennen, dort, wo die Menschen so arm sind, daß die Männer im Winter ihre Familien verlassen, um sich als Gastarbeiter oder Tagelöhner für einige Monate in Tokio oder weiter südlich zu verdingen.

Die Leute aus Tohoku, bekannt für ihren harten, schwerfälligen Dialekt, kamen in Ueno an und reisten von Ueno wieder in den Norden zurück. Sie trafen sich auch dann auf dem Bahnhof, wenn die Rückreise noch längst nicht in Sicht war. Dort waren sie unter sich und der Heimat ein Stück näher. Manchmal wurden sogar die Stationsansagen im Tohoku-Dialekt gesprochen, damit die Reisenden aus dem Norden sich zurechtfanden.

Der Dichter Ishikawa wußte, wovon er sprach, als er den Ueno-Bahnhof besang. Er selber stammte aus der Nähe von Morioka, dem Zentrum von Tohoku. Kaum 20 Jahre alt, siedelte er nach Tokio über, um in der Hauptstadt ganz von seiner Dichtkunst zu leben. Doch die Schriftstellerei ernährte ihn eher schlecht als recht. Manchmal war ihm nicht ganz klar, ob es mehr der Hunger oder das Heimweh war, das ihn zum Bahnhof trieb. Ishikawa starb 1912 an Tuberkulose.

Die Station Ueno war schon zu Lebzeiten des Dichters der größte Bahnhof in Japan. Vor gut drei Jahren verlor Ueno vorübergehend etwas von seiner ursprünglichen Funktion und Bedeutung, als die neue Superexpreß-Verbindung zwischen Morioka und Omiya, einem Vorort von Tokio, in Betrieb genommen wurde. Der Shinkansen-Anschluß bis nach Ueno war damals noch nicht fertiggestellt. Erst seit dem Frühjahr ist die Verbindung komplett. Täglich pendelt der Shinkansen mehrmals zwischen Tokio-Ueno und Morioka. Japans Norden rückte damit ein ganzes Stück näher an die Hauptstadt.