Der Waschbär so schwer

In New York scheint der Winter vor allem ein soziales Phänomen. Daß er in diesem Jahr besonders hart wird, dafür hat die Herald Tribune in Pelzgeschäften deutliche Anzeichen ausgemacht: „Tausende Frauen stürmen in die Pelzgeschäfte, um ihre Pelze aus dem Sommerlager zu holen oder neue zu kaufen.“

„Du kriegst die Panik“, erklärt eine Pelzverkäuferin den plötzlichen Ansturm, „es ist warm und – bums – ist es kalt, und du mußt einen Pelz haben, sonst denken die anderen Leute, du hast keinen.“

„Einen guten Pelzhändler zu finden“, sagt Kundin Adrienne Malis, „ist genauso wichtig, wie einen guten Arzt zu haben.“ Mit ihrem Ehemann stand sie im Pelzgeschäft und probierte Mäntel an. „Geld spielt keine Rolle“, sagte sie ein paarmal, gerade so laut, daß es im ganzen Laden zu hören war. Obwohl viele Männer über ihre Frauen murren, so berichtet Händler David Leinoff, „werden die meisten Käufe doch gemacht, um das Geltungsbedürfnis eines Mannes zu befriedigen. Er will zeigen, daß er es geschafft hat.“ In diesem Jahr erwartet Leinoff den größten Pelzumsatz, den es je gab: „Luxus ist angesagt.“ Und die Pelzgegner, die Tierschützer? „Die Leute, die demonstriert haben, sitzen jetzt in den Modenschauen.“ Gelegentlich werde sie auf die Tierquälerei angesprochen, erzählt eine Kundin, doch „ich sage den Leuten immer, solange sie Hamburger essen – Hamburger sind Küche, wissen Sie – solange sollten sie vielleicht lieber den Mund halten“.

Einige Kunden müssen schwere Entscheidungen treffen. Die arme Deanie, zum Beispiel, war zwischen zwei Pelzen hin- und hergerissen; Geld spielte keine Rolle, natürlich. Deanie verließ das Geschäft ohne Pelz; ein Glück nur, daß sie noch zwei zu Hause hat. Mrs. Malis dagegen hat sich entschieden. Sie hat ihren Waschbärpelz versetzt, weil „der Waschbär so schwer auf mir liegt“. Ihr Mann hat ihr jetzt einen Nerz gekauft, denn – so sagt er – „darin ist sie attraktiver, fühlt sich attraktiver, ist glücklicher, und ich habe ein leichteres Leben zu Hause“.

Jeanne Hoeflich rührt Nerz nicht mehr an: „Zu gewöhnlich.“ Eine andere Kundin pflichtet ihr bei: „Ja, meine Putzfrau hat einen.“ Ein Verkäufer: „Den dunklen Nerz nennen wir die Uniform, weil jeder in New York einen hat.“

Welcher Pelz tragbar sei und welcher nicht, das ist jetzt ein beliebtes Gesprächsthema in der Stadt. Der Reporter der Tribune schnappt die Bemerkung eines Mannes auf, eine Bekannte habe ausgesehen „wie etwas, das sie auf der Straße angefahren hat“. Und eine Frau konnte dem Reporter von einer Freundin berichten, „die im Biberpelz herumrennt, als ob sie im Wohnzimmer einen Damm bauen will“.