Wer nicht den Mut zur Übertreibung hat, der mag Buchhalter oder Apotheker werden, als Kritiker ist er fehl am Platze.

Marcel Reich-Ranicki in einer Rezension von Thorsten Beckers Erzählung „Die Bürgschaft“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 9. November 1985.

Das richtige Maß an Übertreibung kommt der notwendigen Formulierung am nächsten.

Rainer Werner Fassbinder: „Der Müll, die Stadt und der Tod“, Frankfurt, 1976.

Rudolf Fernau

Der soll der Bösewicht vom Dienst gewesen sein? Wie ein Schurke sah der nicht aus, der – geschmeidig bis ins hohe Alter – mit unnachahmlicher Diskretion die Bühne betrat und sie sofort, vor jedem Wort, beherrschte. Ein Verbrecher? Ein Herr. Einer der wenigen großen Darsteller des deutschen Theaters der letzten Jahrzehnte, die nicht durch Fülle oder Kraftmeierei wirkten, sondern durch Schlankheit, bis in den (jederzeit verständlichen) Klang der Stimme, durch Kühle nicht der Arroganz, sondern der skeptischen Intelligenz. Und doch war dieser Schauspieler geprägt durch ein paar dämonische Rollen in Kriminalfilmen der dreißiger, vierziger Jahre („Doktor Crippen an Bord“, „Gestehen Sie, Doktor Corda“). Dieser nervöse Intellektuelle war immer geprägt durch seine ersten Rollen zur Zeit des Expressionismus. Aber schon bald spielte der junge Fernau in den ersten Stücken des ebenso jungen Brecht („Baal“, „Eduard“). Was er da lernte, unbestechlichen Blick, Kraft der Analyse, Ekel vor allem Geschwafel, verwandelte er ein halbes Jahrhundert lang in Schauspielkunst. So einer schrieb denn auch ein allem Klatsch abholdes, kluges Buch der Erinnerungen („Als Lied begann’s“), das fast alle Schauspieler-Memoiren vergessen läßt. Am 4. November ist er in seiner Heimatstadt München gestorben: Rudolf Fernau, 87 Jahre alt.

André Thomkins