Von Dietrich Strothmann

Krefeld, im November

Der halbrunde Saal Nummer 157 des Krefelder Landgerichts hat Atmosphäre: weiße Decke mit Stuckrand, gelbe Wände, hohe Fenster mit geschmackvollen Vorhängen, moderne trichterförmige Deckenleuchten, holzgetäfelte Richterempore und Sitzreihen für Ankläger und Angeklagte. Das Gericht hat sich die Ausstattung etwas kosten lassen, Innenarchitekt eingeschlossen. Ein Saal, so schmuck und schön, wie gemacht für Kammermusikkonzerte.

Eine böse Geschichte wird in dieser anheimelnden Umgebung verhandelt, ein Mord: die „Sonderaktion“ Ernst Thälmann. Der Kommunistenführer war in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1944 auf persönlichen Befehl Hitlers vor den Verbrennungsöfen des Krematoriums im Konzentrationslager Buchenwald hinterrücks erschossen, seine Leiche sofort verbrannt worden. Aber im Saal 157 des Krefelder Landgerichts wird vor der Zweiten Großen Strafkammer auch noch eine andere böse Geschichte ausgetragen. Erst 41 Jahre nach dem Mord an dem „Prominentenhäftling“ Thälmann und 23 Jahre nach der ersten Anzeige gegen die mutmaßlichen Mitschuldigen an dem Verbrechen fand sich ein Gericht endlich bereit, das Verfahren zu eröffnen.

Inzwischen ist der Hauptbelastungszeuge tot, gibt es nur noch einen Angeklagten. Inzwischen war die Anzeigenerstatterin, Thälmanns Frau Rosa, gestorben, sind andere Zeugen verschieden. Inzwischen ist die Erinnerung an die Tat geschwunden, hat das Sühnebewußtsein nachgelassen, haben Recht und Gerechtigkeit beinahe ihren Sinn verloren: Was nützt noch ein Urteil, sofern es überhaupt gefällt werden kann? Was hilft eine gerichtsnotorische Klarstellung des heimlichen Mordes, der längst nicht mehr bestritten wird? Im Saal 157 des Krefelder Landgerichts findet ein verfahrenes Verfahren statt in einer geradezu gespenstischen Atmosphäre.

Grau ist der Mann, klein, unscheinbar, ein „Häuflein Mensch“, mit großen, staunend dreinblickenden Augen und zusammengekniffenen, herunterhängenden Lippen. Natürlich weiß er nichts, kann er sich nicht erinnern, ist einfach überfragt. Wolfgang Günther Klaus Otto aus dem nordrhein-westfälischen Geldern an der holländischen Grenze, ein vorzeitig pensionierter Volksschullehrer, 73 Jahre alt, ist der Hauptangeklagte in Sachen „Thälmann-Mord“, der einzige.

Was hat er sich schon zuschulden kommen lassen? Vom Tod des berühmten, „berüchtigten“ deutschen KP-Chefs habe er erst Wochen nach der vermutlichen Hinrichtung aus dem Völkischen Beobachter erfahren. Damals hatten die Nazis die Version verbreitet, Thälmann sei wie der SPD-Reichstagsabgeordnete Rudolf Breitscheid bei einem alliierten Bombenangriff auf die Industrieanlagen des KZ Buchenwald ums Leben gekommen. Im übrigen sei er, als Stabsscharführer und „Spieß“ zwar der höchste aller SS-Unterführer in dem Konzentrationslager, doch immer nur Protokollant gewesen, weil er so gut Stenographie konnte und besser Deutsch sprach als die anderen. Darum habe er, vor Exekutionen, schon mal Gewehre aus der Waffenkammer angefordert, oder die Opfer vor ihrer Erschießung pflichtgemäß nach ihren Namen gefragt. Ein paarmal habe er auch mitgeschossen, nie freiwillig versteht sich, ein paarmal von weitem zugesehen, wie polnische Offiziere an dem transportablen Galgen aufgehängt wurden. Nur interessehalber habe er sich auch einmal angesehen, wie die Genickschußanlage im „Pferdestall“ funktionierte, getarnt als medizinische Untersuchung hinter einer Körpermeßlatte; aus purer Neugier habe er sich auch informiert, wie im Keller des Krematoriums die Opfer an Deckenhaken aufgehängt wurden, oft eine halbe Stunde lang, bis sie tot waren.