Die hohe Arbeitslosigkeit dämpft die Streiklust der DGB-Jugend

Für Schlagzeilen waren sie stets gut. Weinende Delegierte, hitzige Debatten, schier unüberbrückbare Gegensätze in wichtigen politischen Fragen – dieses Bild trostloser Zerrissenheit, boten die Jugendkonferenzen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) noch stets. Anfang kommender Woche treffen sich die jungen Gewerkschafter wieder einmal zu der bundesweiten Veranstaltung, die alle vier Jahre im Vorfeld des DGB-Kongresses stattfindet. Wird es diesmal ähnlich turbulent zugehen wie vor vier Jahren im sauerländischen Willingen oder vor acht Jahren in Frankfurt?

Beide Konferenzen endeten mit erbittertem Hauen und Stechen der unterschiedlichen politischen Gruppierungen. Entgegen allen sonstigen Gewohnheiten der Arbeitnehmerfunktionäre wuschen die Jugendlichen ihre schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit und manch gestandener Alt-Gewerkschafter half dabei kräftig mit. Der Vorwurf der kommunistischen Unterwanderung der Jugendorganisation – von Kollegen gegen Kollegen erhoben – machte fast jede Debatte über Sachthemen zur ideologischen Auseinandersetzung.

Inzwischen ist es ein wenig ruhiger um die DGB-Jugend geworden. Die Sorgen um Ausbildungs- und Arbeitsplätze überlagern vielfach die politischen Gegensätze. Prognosen über den Verlauf der diesjährigen Konferenz will dennoch niemand wagen. Die „alten Hasen“ unter den jungen Delegierten wissen, daß sich Konflikte meist an Kleinigkeiten entzünden. Und Zündstoff gibt es heute ebenso wie in den Jahren zuvor. Allerdings scheinen die Chancen für einen behutsameren Umgang miteinander nicht schlecht zu sein.

Immerhin gibt es diesmal, meint der Bundesjugendsekretär des DGB, Klaus Westermann, einige Bereiche, in denen man sich wenigstens im Grundsatz einig sei. Dazu zählen zum Beispiel die gemeinsame Front gegen Pläne von CDU und FDP zur Änderung des Betriebsverfassungs- und Arbeitsförderungsgesetzes, der Jugendarbeitsschutz, aber auch die Ablehnung der deutschen Beteiligung am amerikanischen Forschungsprojekt SDI.

Doch die Übereinstimmung in diesen Fragen überrascht nicht. Erstaunlicher wäre es, wenn die 140 Delegierten – oder wenigstens eine Mehrheit – ohne die üblichen Grabenkämpfe und Schlammschlachten über eine Entschließung der IG Chemie diskutieren und abstimmen könnten. Denn am Thema der Entschließung Nr. 19 – der Bündnisfrage mit anderen Gruppierungen – scheiden sich nach wie vor die Geister. Dem Leser des Antragspakets bleibt dies nicht verborgen. Anders als üblich finden die Delegierten bei der E 19 keine Abstimmungshilfe durch die Antragskommission.

Die Bündnisdiskussion – dahinter versteckt sich die jahrelange Debatte über das Verhältnis der Gewerkschaften zu kommunistischen oder von Kommunisten beeinflußten Gruppen. Mit dieser Debatte könnten also die alten Ünterwanderungsvorwürfe ebenso wieder aufleben wie die Streitereien um die Lehren aus der deutschen Geschichte und die Rolle der Gewerkschaften am Ende der Weimarer Republik.