Sowjetunion – oder, wie Adenauer zu sagen beliebte: "Soffjetrußland" – auch das ein Reizwort, das die Diskussion anheizte. Claus Heinrich Meyer von der Süddeutschen Zeitung kreidete es Adenauer an, daß er, zum moralischen und politischen Schaden des Volkes, den nationalsozialistischen (man hätte hinzufügen können: frühen sozialdemokratischen) Antibolschewismus nahtlos in den Antikommunismus unserer Tage übergeführt habe. Hatte Adenauer doch noch wenige Tage vor seinem berühmten Moskau-Besuch 1955 – der von einigen Gesprächspartnern geradezu als Musterbeispiel erfolgreicher Ostpolitik gepriesen wurde – die östliche Weltmacht als "Todfeind" apostrophiert (unerwähnt blieb jene Rede Adenauers vor Parteifreunden, wo er das Schicksal der deutschen Bevölkerung nach einem russischen Einmarsch mit Worten schilderte, die sich wie eine Imitation Goebbels’scher Panikmache aus den letzten Kriegsmonaten ausnahm). "Sie sind doch Todfeinde", entfuhr es Professor Baring, "jedenfalls in der Tiefe des Konflikts." Zwar müsse und könne man mit den Sowjets koexistieren, aber sie bleiben für ihn (und offensichtlich für die meisten, die ihm am Tische und im Saale zuhörten) "ernste bedrohliche Gegner für unsere Existenz". Wenn wir uns dessen nicht bewußt seien, "würden wir die Freiheit der Republik verlieren".

Eher verlassen mußte sich Redakteur Meyer auch vorkommen, als er (nur schwach sekundiert von Altmann und dem ehemaligen Bonner Korrespondenten der Neuen Zürcher Zeitung, Fred Luchsinger) es Adenauer als fortwirkenden Negativposten anlastete, daß er niemals die offene Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit gesucht habe, auch nicht das Gespräch mit der Jugend, die von "Führer, Volk und Vaterland" genug hatte. "Wir haben sehr wohl nach der Moral in der Politik gefragt."

Flugs fühlten sich die abgeklärten journalistischen Bewunderer Adenauers auf den Plan gerufen, voran des Kanzlers Weggefährte Max Schulze-Vorberg (ehedem beim Bayerischen Rundfunk). Adenauer habe doch gar keine andere Wahl gehabt, als mit Männern zusammenzuarbeiten, die ihn, den Antinazi, nach 1933 auf der Straße nicht mehr gegrüßt hätten; er habe doch selber ausgesprochen, daß Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer "tiefbraun" sei, aber mit diesem Repräsentanten der Flüchtlingspartei BHE habe er gezwungenermaßen ebenso koalieren müssen wie vor ihm die Sozialdemokraten in Bayern; Adenauer habe nun einmal nicht die Bundeswehr mit achtzehnjährigen Generälen aufbauen können, sondern auf ehemalige Offiziere der Wehrmacht zurückgreifen müssen.

Selbst Fried Wesemann, ehedem Chefredakteur einer SPD-Zeitung und viele Jahre Korrespondent für die Frankfurter Rundschau, verteidigte die scheinbar laxe Haltung Adenauers gegen einstige Nationalsozialisten. Der SPD-Vorsitzende und Oppositionsführer Kurt Schumacher dagegen habe trotz seiner KZ-Haft um die Seele jedes jungen Deutschen, sei er nun Hitlerjugendführer oder Soldat der Waffen-SS gewesen, gerungen, um ihn für die Demokratie zu gewinnen.

Was es seinerzeit vielen Deutschen schwer machte, die Politik Adenauers gegen manche Angriffe aus dem Ausland zu rechtfertigen, nämlich die Bestallung von Hans Globke, dem Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, zum engsten Mitarbeiter des Kanzlers, fand jedoch Gnade vor den Augen der Zeitzeugen und Historiker: Ehemalige Handlanger des NS-Regimes seien doch 1945 für alle Zeiten "gründlich belehrt" gewesen und hätten ihren Irrtum durch besondere Treue und Loyalität wiedergutgemacht. Der Schweizer Luchsinger bedauerte zwar das "Stehenlassen der Vergangenheit", erkannte aber auf gehörige Mitverantwortung der westlichen Besatzungsmächte, die im beginnenden Ost-West-Konflikt den Prozeß der Entnazifizierung abgebrochen hatten.

Arnulf Baring schließlich wetterte gegen die pharisäerhafte Haltung von heute, die ihm verachtenswert erscheint: Er sah durch die Diskussion (mit zwei Außenseitern, denen ein Dutzend Hände zaghaft zuklatschten!) all seine Bedenken gegen die Moralisierung der Politik bestätigt und Heß sich zu dem Satz hinreißen: "Wir lassen uns von der Vergangenheit permanent erpressen." Spätestens hier wurde spürbar, daß die Auseinandersetzungen um die Vergangenheit im Mai 1985 ihre lange Vorgeschichte haben.

Als das Verhältnis Adenauers zur Presse anstand und sich das Symposium vollends in die Idylle verflüchtigen wollte, wurde es sogar dem behutsamen Gesprächsleiter und Journalisten Hermann Rudolph zu viel. Wenigstens er rief den Fall Paul Sethe ins Gedächtnis, jenes Adenauer-Kritikers und Herausgebers der Frankfurter Allgemeinen, der seinen Stuhl räumen mußte, weil Finanziers und Leiter des Blattes dem Wink aus dem Palais Schaumburg willfährig nachgaben. Wie all seinen Nachfolgern im Kanzleramt hat Adenauer die Presse nie genügt; er hat, wie ihn einer zitierte, die "Wahlen gegen sie gewonnen", aber er hat sie, wenn er sie schon nicht instrumentalisieren konnte, auch ernst genommen. Sein erstes und sein letztes Interview gab er Rudolf Augstein, seinem ärgsten und respektvollsten Widersacher. Nach der stundenlangen Adenauer-Seance erkannte Rüdiger Altmann: "Adenauer hat nicht bloß Enkel, er hat auch viele Väter!"