Von Bernd Müllender

Genau ein Jahr ist es her: Da verkündete der Freiburger Rechtsanwalt Siegfried de Witt, sein Mandant, „der Held von Kalkar“, werde auch weiterhin dem „Wahnsinnsprojekt vom Niederrhein“ trotzen. Das Projekt ist der Schnelle Brüter. Der Held heißt Josef Maas. Er ist Landwirt, wohnt in Kalkar-Höneppel, direkt neben dem Reaktorgebäude und prozessiert seit nunmehr dreizehn Jahren gegen den umstrittenen Bau. „Ich bin sicher“, so de Witt vergangenen November, „daß sich die SBK (Schnelle-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft) an ihm noch die Zähne ausbeißen wird.“

In der vergangenen Woche nun hat Josef Maas aufgegeben. Er wird das Dreißig-Hektar-Anwesen verlassen, den Familienhof, auf dem seine Vorfahren seit dem 17. Jahrhundert gelebt haben. Mit dem Käufer ist sich „die Galionsfigur im Kampf gegen den Todesbrüter“ (so die Berliner taz) weitgehend einig: Es ist ausgerechnet die Kraftwerksunion (KWU), die nebenan den brisanten Betonberg baut.

Josef Maas, heute 54, ist müde geworden, gesundheitlich und nervlich ausgelaugt vom jahrelangen Streit um das Betonmammut vor seinen Scheunentoren. Er teilt die Probleme vieler Landwirte am Niederrhein: Gerade kleinere Landwirtschaftsbetriebe haben existenzbedrohende Geldsorgen. Beim Bauern Maas kommen ganz besondere Nadelstiche hinzu. Wegen seines politischen Engagements drohten ihm seine Hausbanken immer wieder, Kredite zu verweigern, und er bekam Schwierigkeiten mit Lieferanten und Abnehmern. Die Prozeßkosten sind für seine Finanzprobleme nicht verantwortlich, sie kamen zum größten Teil durch Spenden zusammen. Ausschlaggebend seien vielmehr, sagt Martin Pannen, der Landesgeschäftsführer der NRW-Grünen, die „indirekten Folgekosten, der jahrelange psychische Druck, der hohe Zeitaufwand und die ungeheure Energie, die Maas in seine Arbeit hineingesteckt hat“.

Vor diesem Hintergrund nun überschlugen sich in den letzten drei Wochen die Ereignisse. Auf der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen Anfang November tauchte ein Posten „Vermögen 150 000 Mark“ auf. Den neugierigen Journalisten mußte der Schatzmeister erklären, daß die Grünen eine 9900-Quadratmeter-Parzelle der Maas’schen Ländereien erworben hatten, um dem kämpferischen Bauern aus den ärgsten finanziellen Engpässen zu helfen. Die Kraftwerksunion wurde nervös. Die Sieben-Milliarden-Investition neben grünem Grünland – das durfte nicht sein. Also machte sie dem ungeliebten Nachbarn in aller Eile ein ultimatives Angebot: Nur wenn er innerhalb einer Woche alle Verträge rückgängig mache, sei die KWU zum Kauf bereit. Der Preis solle mit drei bis vier Millionen Mark dem objektiven Verkehrswert seines Eigentums entsprechen. Großzügigerweise bot die KWU an, auch Umzugskosten und Nebenkosten für den Erwerb eines landwirtschaftlichen Ersatzbetriebes zu übernehmen. Entscheidungsfrist: eine Woche.

Josef Maas willigte notgedrungen ein: „Die Situation hat sich für meine Familie dramatisch verschlechtert“, schrieb er am Montag vergangener Woche resigniert an die Grünen, „ich wollte das Wohnhaus, mein Elternhaus, erhalten. Es hat sich jedoch kein ernsthafter Interessent gefunden. Ein privater Interessent, der meines Erachtens nur vorgeschoben war, wollte den Hof weit unter Verkehrswert kaufen. Die Landesregierung hat ebenfalls kein Interesse gezeigt.“

Maas wird Kalkar verlassen und die Prozesse einstellen müssen. Martin Pannen nennt das Verhalten der KWU schlicht „Erpressung“, aber Maas sei eben „leicht erpreßbar geworden Die Kraftwerksunion verweigert nach wie vor jede Stellungnahme, auch zum Vorwurf der Erpressung. Und Josef Maas ist zur Zeit für niemanden zu sprechen. Seine sechsköpfige Familie sichert den Hof gegen die vielen aufdringlichen Frager hermetisch ab.