Von Manfred Sack

Das, sagte André Heller, sei das Beste, was es auf der Welt gebe. Und Frau Way Jun, die zu jeder akrobatischen Nummer stimulierende Bemerkungen machte, wagte die Prophezeiung: "Das ist kein Abend wie jeder andere." Sie hatte nicht geprahlt. Als die Artisten zum Schlußaufzug auf die Bühne geschlendert kamen und als Zugabe zwei Mädchen mit sich führten, die auf bunten Sonnenschirmen Einrad fuhren, sammelte sich die Begeisterung der dreitausend Zuschauer in langem, langem Beifall.

Solche Gefühlsentladungen kann man öfters beobachten. Doch was an diesem Abend im größten Saal des Hamburger Kongreßzentrums anders war, las man in den Gesichtern der Zuschauer, auf welche der Blick auch fiel: lauter glückliche, vom Staunen gerührte, versonnen lächelnde Menschen. Sie erinnerten an die Stimmung, die der Impresario Heller schon zweimal erzeugt hat: mit dem Circus Roncalli, der seine Idee war, und dem Varieté Flic Flac.

Der neuen Veranstaltung hat er den feierlichen Titel "Begnadete Körper" gegeben. Die Wörter gehören, wie der Untertitel mitteilt, "Großmeistern der Akrobatenschulen von Anhui und Peking", deren jüngster noch keine zehn Jahre alt ist. Trotzdem hatte man nie das unheimliche Gefühl, das einem vor allem bei weiblichen Weltmeistern im Turnen überfällt, wenn ihre ballettösen Anstrengungen Züge von Affektiertheit und Kitsch annehmen – wahrscheinlich deswegen, weil hier das pseudokünstlerische Gehabe unterlassen wurde. Die jungen Großmeister verwandten alle Grazie auf die Übungen selber, auf die gespielte Beiläufigkeit der Anstrengung, die Eleganz der Gebärden und die Heiterkeit der Mimik – während sie doch alle insgeheim vor Aufregung gespannt sind und deswegen die Beschwörungsformel lieben, die die Ansagerin auch niemals vergißt (und die das Publikum, um sein eigenes Bangen zu beschwichtigen, bald laut mitspricht): "Möge diese Übung gelingen."

Kein Imperativ, sondern nur ein flehentlicher Wunsch. Er gilt den etwa sechzig chinesischen Akrobaten, den besten, die André Heller für diese Vorstellung in ganz China gefunden hat. Beinahe drei Monate lang war er als Gast des Landes umhergereist, hatte oft verblüfft die landesübliche Alltäglichkeit dieser Körperkunst beobachtet, aber auch das Ansehen bemerkt, das ihre Großmeister dort genießen wie hierzulande Primadonnen, Geiger oder Pianisten. Er war erschrocken über das Bedürfnis, die Reste der chinesischen Kultur mit kommerziellen Amerikanisierungen zu entstellen. Also war er von Anfang an bemüht, die Chinesen zu überzeugen, daß es sich lohne, die alte eigene Kultur wieder ernst zu nehmen.

Es gelang ihm, alte Musiken ausfindig zu machen, sie auf chinesischen Instrumenten spielen zu lassen, den acht Orchestermusikern und den Akrobaten Gewänder im alten Stil schneidern zu lassen: ein Konservator, den es an die verschütteten Quellen treibt. "Wir haben versucht", notierte er, "eine segensreiche Schlacht für China und gegalt es, siebzehn Stunden täglich für europäische Theaterverhältnisse unglaubliche Schwierigkeiten zu überwinden." Wer seine amüsanten "Chinesischen Arbeitsnotizen" im gefalteten Programm-Plakat liest, ahnt die Arbeit, spürt das Risiko – und staunt.

Schon in dem Augenblick, da sich die Bühne langsam zu bevölkern beginnt, erkennt man ein Prinzip: das Prinzip äußerster Gelassenheit. Erst kam der Mann mit dem Gong herein, ihm folgten, wie er, dabei Kostproben gebend, der Flötist, der Oboist, der Mann mit der großen Mundorgel. Schließlich erschienen die anderen Musiker, deren Instrumente schon rechts neben der Bühne standen: Hackbrett, Gongspiel, Cello, Laute, acht Herren und in Schwarz der Dirigent. Gemessen an der Zahl eine kleine Zirkuskapelle, gemessen am Fortissimo ein saalfüllendes Orchester. Nach drei Takten wußte jeder: Musik, echt aus China.