Beim Ausbruch des Vulkans Nevado del Ruiz in Kolumbien starben rund 25 000 Menschen. Wären die Warnungen rechtzeitig beachtet worden, hätte es nicht eine Katastrophe von derartigem Ausmaß geben müssen.

Eine sich 15 Kilometer hoch auftürmende Eruptionswolke des Vulkans Nevado del Ruiz war nur das eher harmlose Zeichen der gewaltigen Katastrophe am Fuß des knapp 5400 Meter hohen Feuerberges. Nach zwei Ausbrüchen im Abstand von 90 Minuten schmolz ein Teil der mächtigen Schnee- und Eiskappe. Mit Vulkanasche vermengtes Schmelzwasser schoß die Hänge hinab. Es vereinte sich mit den Fluten der wegen anhaltender Regenfälle ohnehin Hochwasser führenden Flüsse zu zerstörerischen Schlammlawinen, "Lahars" in der Sprache der Vulkanologen.

Einer dieser Lahars folgte dem Lauf des Rio Lagunilla bis nach Armero, rund 45 Kilometer östlich des Vulkans und fünf Kilometer tiefer als der Gipfel gelegen. Ohne Vorwarnung, auf anderthalb Kilometer Breite überrollte der Schlammstrom die schlafende Stadt. Mindestens 19 000 Menschen erstickten unter der meterhohen, stinkenden, grauschwarzen Masse, die zunächst eiskalt war, dann aber zunehmend wärmer wurde. Weitere 6000 Menschen starben durch andere Lahars, die teils auch auf der Westflanke des Nevado del Ruiz niedergingen (siehe Karte).

Zu den Opfern zählen auch etwa 8000 Kinder – darunter die zwölfjährige Omaira Sanchez. Sie stak 60 Stunden lang bis zum Halse im Schlamm, bevor sie starb; die verzweifelten Rettungsversuche vor den Fernsehkameras mißlangen (siehe Kommentar Seite 57). Die Tragödie machte rund 20 000 Menschen obdachlos, rund 10 000 Kinder zu Waisen; mehrere tausend Verletzte liegen in Hospitälern.

Der Vulkanismus der kolumbianischen Feuerberge geht letztlich auf die Kollision zweier Erdkrustenplatten zurück. Die Anden (siehe Zeichnung) sind die sichtbaren Runzeln und Pickel des Zusammenstoßes der südamerikanischen Kontinentalscholle mit der "Nazca-Platte", einem Stück pazifischen Meeresbodens. Mit dem ins Erdinnere abknickenden Meeresboden gelangt auch leichteres kontinentales Gestein in große Tiefen. Dort schmilzt es und steigt wegen seines geringeren Gewichtes auf. So entsteht parallel zu dem Tiefseegraben vor der Küste eine Kette gefährlicher, explosiver Vulkane. Unter den riesigen, meist formschönen Feuerbergen wie dem Nevado del Ruiz baut sich ein ungeheurer Gasdruck auf, der sich dann – einer kolossalen Sektflasche gleich – abrupt entlädt. Lava fließt dabei, wie auch dieses Mal, kaum.

Der Vulkan Ruiz ist aus einem zweiten Grund gefährlich: Auf seinem Gipfel sammelt sich zwischen den schweren, seltenen Ausbrüchen ein mächtiges Eisfeld an. Es war vor dem jüngsten Ausbruch gut 20 Quadratkilometer groß und bis zu 200 Meter dick. Als der Vulkan am 22. Dezember 1984 nach 140jähriger Pause wieder erwachte, waren informierte Vulkanologen sogleich alarmiert. Im Juli stieg, wie erwartet, der Wasserspiegel des Kratersees: Der Berg erwärmte sich, Eis und Schnee schmolzen. Am 11. September kündigte der erste Aschenausstoß das Desaster an.

Was geschehen würde, ließ sich aus den Aufzeichnungen des letzten Ausbruchs ablesen: Auch am 19. Februar 1845 waren die Eismassen teilweise geschmolzen, flossen Lahars in die Täler und töteten rund tausend Menschen – vor allem dort, wo jetzt Armero unterging. Vulkanologen wie der Amerikaner Derrel Heidi der seine Doktorarbeit über den Nevado del Ruiz schrieb, kannten die gefährdeten Zonen. Das kolumbianische Nationalinstitut für Geologie und Bergbauforschung empfahl denn auch am 26. September die Evakuierung der Siedlungen am Fuß des Berges. Doch mehrere Minister torpedierten die Empfehlung.