Die gefährlichste Konferenzkrise entwickelte sich am Abend des vergangenen Mittwoch, als die offiziellen sowjetisch-amerikanischen Gespräche abgeschlossen waren. Beim Ringen um den Wortlaut des Kommuniqués stand der Ausgang des Gipfels auf des Messers Schneide. Ein Ende im Streit war durchaus möglich. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, fuhren beide Seiten grobe Geschütze auf. Die Sowjets kündigten im Alleingang eine Pressekonferenz für den nächsten Morgen an, die Amerikaner hatten für den Fall des Scheiterns ein unilaterales Schlußdokument vorbereitet. "Es war natürlich viel schöner" als das von beiden Seiten gemeinsam verfaßte Papier, behauptet ein Vertreter der harten Linie. Und er denkt noch heute mit Schrecken an die schwankenden Vertreter des State Department während der kritischen Stunden.

Hauptstreitpunkt der beiden Verhandlungsdelegationen, die sich bis zum Morgengrauen des Donnerstag in den Haaren lagen, war die zentrale Forderung der Sowjets: Ein Verbot jeglicher Forschung für ein Weltraumwaffensystem sollte festgeschrieben werden. Die Amerikaner wiederum drängten darauf, die Einigung auf einen Abbau der strategischen Nuklearwaffen und der Mittelstreckenraketen um fünfzig Prozent aktenkundig zu machen. Der Kompromiß, der dann doch noch zustande kam, wird von den Experten in Washington wie ein Sieg gefeiert. Sie verweisen darauf, daß die Bemühungen um eine Reduzierung der Atomwaffen nicht an ein Ende der SDI-Forschung gekoppelt wird. Und sie buchen die Suche nach einer vorläufigen Übereinkunft über die Mittelstreckenraketen auf ihrer Habenseite.

Die Feinheiten des Kommunique-Textes und die Durchsetzungsfähigkeit der amerikanischen Co-Autoren beeindruckten die Amerikaner jedoch weniger. Sie sind vornehmlich davon angetan, wie sich ihr Präsident im Tête-à-tête mit Gorbatschow geschlagen hat. Besonders loben sie seine Stamina und seine erstaunliche Sachkenntnis während der Gespräche mit dem Kremlchef. Erst langsam sickert durch, welche Hilfe Reagan dabei erhielt. Die Mitglieder seiner Delegation umsorgten ihn in Genf ganz offensichtlich wie Boxtrainer ihren Schützling in der Ringecke. Vor jeder Vier-Augen-Runde stopften sie ihn mit Informationen über das jeweils anstehende Thema voll. Danach umringten und ermunterten sie ihn, die Anspannung beim de-briefen, beim Entladen des gerade Erlebten, zu lösen.

Den Dank für seine Stehkraft im Genfer Ring hat der Präsident nach seiner Heimkehr gebührend erfahren. Der Kongreß begleitete seinen Erfahrungsbericht mit herzlichem Applaus, das Kabinett bereitete ihm eine stehende Ovation und die Öffentlichkeit gibt ihm noch bessere Noten als zuvor. Ein Grund für das allgemeine Aufatmen liegt in Reagans Zurückhaltung. Amerika erlebt in diesen Tagen keinen Präsidenten in Siegerpose, keinen Triumphator, der es den Sowjets gezeigt hat. Voller Einsicht weist der in Jahrzehnten geprägte Antikommunist aus dem Weißen Haus auf die Gegensätze bei den Wünschen und Wertvorstellungen beider Seiten hin. Selbst in der Menschenrechtsfrage hält er sich zurück. Er warnt vor dem Verlangen, den Gegner in die Ecke zu treiben.

Die Erziehung des Ronald Reagan? Es scheint, als sei das Weltbild des Präsidenten in Genf um ein paar Nuancen bereichert worden. "Ich kann nicht behaupten", gibt der Präsident denn auch unumwunden zu, "daß wir uns bei so fundamentalen Fragen wie Ideologie oder nationaler Zielsetzung nähergekommen seien, aber wir verstehen einander." Das Eingeständnis fällt Reagan um so leichter, als seine Landsleute während der Gipfeltage einen klareren Eindruck von Gorbatschow gewonnen haben. Sie wissen jetzt, wer im Kreml das Sagen hat. Sie konnten gleichzeitig feststellen, daß die Personifizierung des "Imperiums des Bösen" weder Hörner trägt noch Schwefelgeruch verbreitet. Ein Mann, mit dem man reden kann, urteilt der Präsident. Das weckt Hoffnungen auf einen sachlicheren Dialog, auf eine wirksamere Verständigung in Krisensituationen, auch wenn Zweifel bleiben, ob das entspannte Verhältnis zwischen den beiden Supermacht-Führern wirklich der "Schlüssel zum Frieden" (Reagan) sein wird.

Kein Sinn für Sentimentalitäten

Noch verkauft die Administration die personal chemistry, das Zurechtkommen der beiden miteinander, als wichtigen Fortschritt. Die Bilder vom trauten Zusammensein in Genf haben ihre Wirkung auf die Amerikaner nicht verfehlt. Es geht also doch, so lautet die Erkenntnis nach Jahren eisigen Schweigens oder hitziger Beschuldigungen. Ob die fünf Stunden unter vier Augen einen Wendepunkt im amerikanisch-sowjetischen Verhältnis markieren, wird gelegentlich angezweifelt. "Spannungen werden nicht durch die Führung erzeugt, sie können auch nicht durch persönliche Beziehungen gelöst werden." Henry Kissingers Diktum bremst voreilige Illusionen. Aber auch der ehemalige Außenminister sieht eine gute Chance, durch mehr Verständnis zwischen den Gegenspielern zu konkreten Lösungen zu gelangen.