Von Gabriele Venzky

Als Indiens Premierminister Rajiv Gandhi Kalkutta eine sterbende Stadt nannte, erhob sich im Lande ein Sturm der Entrüstung. Vor allem in Kalkutta selbst. Die Bürokraten protestierten, die reiche Geschäftswelt, die Künstler und Dichter, welche diese Stadt tausendfach produziert, die Politiker, versteht sich, und die Bürger, reiche, mittelständische, arme – wer sich halt zu artikulieren verstand. Die Zeitungen brachten lange Artikel, die alle zu dem gleichen Fazit kamen: Kalkutta lebt. Es lebt, weil es keine andere Wahl hat, lebt aus dem Überlebenswillen seiner Bewohner. Rajiv Gandhi mußte revozieren: "Kalkutta ist dabei, zu ersticken", habe er eigentlich sagen wollen, entschuldigte sich der junge Regierungschef. – Dieselbe Überlebensbotschaft wird verkündet in dem Buch von

Dominique Lapierre: Stadt der Freude. (Aus dem Französischen von Ralf Stamm); C. Bertelsmann, München 1985; 541 S., 39,80 DM.

Anand Nagar ist der Hauptschauplatz des Buches, einer der unzähligen Bustees von Kalkutta. Bustee werden die Slums in der bengalischen Metropole genannt. Auf einer Fläche, die nicht größer ist als drei Fußballfelder, hausen unter entsetzlichen Bedingungen 130 000 Menschen, "die dichteste Menschenkonzentration auf dem Planeten", vermutet der Autor. Anand Nagar heißt auf deutsch "Stadt der Freude". – Lapierre verwendet diesen Namen nur scheinbar für den Bustee. In Wahrheit meint er Kalkutta, die ganze Stadt, die er meisterhaft schildert:

"Diese in immer neuen Wellen anbrandenden Schiffbrüchigen" – gemeint sind die Hunderttausende, die Jahr für Jahr in die Stadt strömen, weil sie in ihren Dörfern zu verhungern drohen – "hatten Kalkutta zu einer unglaublich dicht besiedelten Großstadt werden lassen. Wenige Jahre hatten genügt, und Kalkutta bot jedem seiner zehn Millionen Einwohner noch kümmerliche 3,7 Quadratmeter, wobei diese Zahl nicht einmal stimmte, denn die vier oder fünf Millionen, die sich in den Lehm-, Wellblech- und Pappkartonvierteln zusammendrängten, hatten sich auf knapp einem Quadratmeter zurechtzufinden. Eine der schlimmsten Stadtkatastrophen des Erdballs, so mußte man inzwischen die Lage nennen. Eine überall vom Verfall angenagte Stadt – manche Viertel sahen aus, als wären sie bombardiert worden ... Tausende, Hunderttausende, Millionen waren es, die Tag und Nacht wimmelnd die Plätze, die breiten kolonialen Prachtstraßen, die mickrigsten Gäßchen füllten. Auch die letzte Parzelle eines jeden Gehsteigs wurde genutzt, war illegal besetzt ... Mangels Toiletten sahen Hunderttausende von Einwohnern sich gezwungen, ihre Notdurft auf offener Straße zu verrichten."

Das war in den sechziger Jahren und zu Beginn der siebziger, von denen das Buch handelt. Inzwischen ist es noch schlimmer geworden. Aus den zehn Millionen Einwohnern wurden mittlerweile zwölf. – Stadt der Freude? Der Titel des Buches ist eine Provokation. Ganz bewußt wird er ohne weitere Zusätze dem Leser hingeknallt. Nicht als Zumutung, sondern als Aufforderung: Setz dich mit dem Monstrum Kalkutta auseinander!

Freude? Nicht von der morbiden Schönheit dieser Stadt handelt das Buch, nicht von der Musik, dem Theater, der Malerei, der Poesie ist die Rede, die in diesem Neapel Indiens eifriger gepflegt werden, die üppiger florieren als irgendwo sonst in Indien. Nicht der kraftvollen Vielschichtigkeit, die diese Stadt so faszinierend macht, wird ein Denkmal gesetzt, sondern der Menschlichkeit in diesem Chaos. Der Autor hat eine simple Botschaft zu verkünden, die er seinem Helden, einem französischen Priester gegen Ende des Buches in den Mund legt: "Es fällt jedem Menschen leicht, die Reichtümer der Welt zu erkennen und zu verherrlichen, aber nur ein Armer kennt den Reichtum, den Armut bedeutet. Nur ein Armer kennt den Reichtum, den Leiden bedeutet."