Von Marlene Kück

Elisabeth Degenschwerth, Johanna Fahrenwald und Christina Exter haben sich, wie immer montags abends, zur Kollektivsitzung zusammengefunden. Beherrschendes Thema der Dreierrunde ist heute – wie auch schon bei den davorliegenden Treffs – die Deckung des Finanzierungsbedarfs für „Flinker Hammer“ (alle Namen geändert).

Flinker Hammer ist die Firmenbezeichnung für eine selbstverwaltete Tischlerei, die Elisabeth, Johanna und Christina seit einem Jahr betreiben. Hauptsächlicher Aufgabenbereich des Betriebes ist der Bau von Inneneinrichtungen im Stil der zwanziger Jahre. Damit hatte der Flinke Hammer bisher großen Erfolg, zumal der Betrieb bewußt auf Individual- und Einzelfertigung setzte und damit einen neuen Markt jenseits standardisierter Tischlereiprodukte erschließen konnte. Die Umsatzentwicklung war bisher expansiv. So konnte von Juli bis September eine Zunahme von 25 Prozent erzielt werden. Die Auftragsbücher des Flinken Hammers sind gefüllt. Bis März nächsten Jahres können die drei Tischlerinnen mit „Vollbeschäftigung“ rechnen.

Zur Verbesserung der Qualität und zur Erhöhung der Produktion, darauf weist Christina am heutigen Montag noch einmal hin, wird dringend eine Tischfräse benötigt, Kosten 40 000 Mark. Allerdings wissen die drei Frauen bisher noch nicht, wie sie das Geld beschaffen sollen.

Um den Banken ihre Expansionspläne schmackhaft zu machen, haben Elisabeth, Johanna und Christina in Zusammenarbeit mit einem alternativen Wirtschaftsberater vor einigen Wochen einen Investitionsplan und eine Betriebsbeschreibung erstellt. Beide Unterlagen geben genaue Auskunft über die Art des anzuschaffenden Ausrüstungsgegenstands, über den Arbeitsschwerpunkt des Betriebes und über die betrieblichen Entscheidungs- und Mitwirkungsstrukturen, die beim Flinken Hammer gleichberechtigt und solidarisch organisiert sind. Außerdem sind die Unterlagen noch angereichert mit zahlreichen Hinweisen zur Absatzentwicklung oder zum Kundenkreis.

Jetzt hat Johanna von einer namhaften Bank eine Antwort bekommen. Bei dieser Bank hatten die Tischlerinnen vor einiger Zeit, unmittelbar nach der Erstellung des Investitionsplanes, einen Kredit beantragt. Der Wortlaut des Briefes ist kurz und knapp: „Wegen der Finanzierung ihres Investitionsvorhabens sind Sie am 2. 10. ds. Js. an uns herangetreten. Nach Durchsicht Ihrer Unterlagen ist es uns leider nicht möglich, Ihrem Kreditwunsch zu entsprechen.“

Durch diese Entscheidung der Bank gerät der Flinke Hammer in ein finanzwirtschaftliches Dilemma: Denn bereits einige Tage zuvor hatten drei weitere Kreditinstitute, die Christina aufgesucht hatte, ebenfalls das Finanzierungsbegehren des Betriebes abgelehnt, obwohl die ökonomische Entwicklung des Unternehmens erfolgversprechend ist.

Den meisten Alternativbetrieben geht es ähnlich. Dabei arbeiten im Selbstverwaltungssektor inzwischen rund viertausend Betriebe mit rund 24 000 Arbeitsplätzen. Allein in Berlin existieren rund dreihundert Betriebe mit etwa zweitausend Beschäftigten. Zumeist werden die Unternehmen von jüngeren Leuten gegründet. Sie wollen damit oft ihrem Arbeitslosendasein ein Ende setzen. Oder sie haben es einfach satt, im konventionellen Wirtschaftssektor unter traditionellen, hierarchischen Bedingungen zu arbeiten.

Charakteristisch für selbstverwaltete Betriebe sind ihre spezielle Unternehmensverfassung und ihr einzelwirtschaftliches Zielsystem. Dazu gehören

  • Die Selbstverwaltung: Die Betriebe sind bemüht, demokratische Entscheidungs- und Mitwirkungsstrukturen zu etablieren und versuchen, jeden Mitarbeiter gleichberechtigt an allen Entscheidungen zu beteiligen.
  • Die Kapitalneutralisierung: Es soll keine Eigentumstitel an den Produktionsmitteln geben, weder individuell noch kollektiv. Der Betrieb gehört sich gewissermaßen selbst und die Belegschaft verfügt über das Eigenkapital treuhänderisch und verantwortlich. Die Kapitalneutralisierung gibt es in zwei Varianten. Einmal als uneingeschränkte Neutralisierung, bei der beim Austritt von Mitarbeitern oder Gesellschaftern die eingebrachten Geschäftsanteile nicht zurückgezahlt, sondern vom Betrieb einbehalten werden. Das kommt selten vor. Zum anderen existiert die eingeschränkte Neutralisierung. Sie erlaubt eine Rückzahlung von eingebrachten Anteilen – aber nur zum Nominalwert; oder nur mit einer sehr geringen Verzinsung.
  • Das Kostendeckungsprinzip: Es bedeutet, daß keine Gewinne zur Maximierung der Einkommen einzelner Mitarbeiter angestrebt, sondern die Überschüsse auf ihr betriebsnotwendiges Maß – zur Finanzierung von Zukunftsinvestitionen oder Markterhaltungsmaßnahmen – beschränkt werden sollen. Zum völligen Ausschluß von Profiten führt das Kostendeckungsprinzip also nicht.
  • Umweltschutzmaßnahmen: Es sollen möglichst nur Güter und Dienstleistungen produziert werden, die sozial und ökologisch verträglich sind.

„Deshalb waren es bisher vorwiegend die geringe persönliche Kreditwürdigkeit, die geringen Eigenkapitalquoten, die ungünstige Vermögensstruktur und der Risikokapitalbedarf, die Banken von einer Kreditierung abhielten. Sie mißtrauen bei selbstverwalteten Betrieben den neuen Formen der Selbstverwaltung, dem kollektiven Management und der betrieblichen Eigentumsordnung. Den Kreditinstituten fehlt bisher ein geeignetes Kreditprüfungs- und Überwachungsinstrumentarium zur Beurteilung solcher Betriebe.

Hinzu kommt die geringe Eigenkapitalquote der Betriebe und die schlechte Vermögensstruktur. Das wenige Eigenkapital steckt oft auch noch in Vermögensgegenständen wie Maschinen und Anlagen, die aufgrund ihrer technischen Überalterung und ihrer langen Nutzungsdauer nicht mehr viel wert sind und so die Eigenkapitalquoten mit einem zusätzlichen Grauschimmer umhüllen.

Da die selbstverwalteten Betriebe oft mit neuen Produktideen in Marktlücken stoßen, um so die Erfolgschancen für ihr Angebot zu erhöhen und dem Wettbewerb mit Konkurrenten aus dem traditionellen Sektor zu entgehen, kommen zusätzliche Unsicherheiten hinzu. Es ist nicht absehbar, ob sich das neue Produkt oder die Dienstleistung durchsetzen wird. Insofern ist auch das von den Betrieben eingesetzte Kapital mit einem überproportionalen Verlustrisiko Dehaftet.

Zur Linderung der Kreditrisiken bei selbstverwalteten Betrieben wurde nun in Berlin eine neuartige Förderungsinstitution, die „Haftungsassoziation eG – Bürgschaftsbank für selbstverwaltete Betriebe“, ins Leben gerufen. Im Sinne des Kreditwesengesetzes ist es ein „Spezialkreditinstitut“, das die Aufgabe übernommen hat, gegenüber privaten Geldgebern und Banken Bürgschaften zu übernehmen, wenn diese selbstverwalteten Betrieben Geld zur Verfügung stellen. So sollen die Kreditwürdigkeit der Betriebe erhöht und die Finanzierungshemmnisse neutralisiert werden.

Träger der Haftungsassoziation eG sind die selbstverwalteten Betriebe und externe Förderer. Zu den externen Förderern zählt insbesondere die Evangelische Landeskirche Berlin, die durch die Übernahme eines Genossenschaftsanteils in Höhe von einer Million Mark die erforderliche – vom Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen vorgeschriebene – Eigenkapitalausstattung für die Haftungsassoziation eG aufgebracht hat und so erst ihre Gründung ermöglichte. Gefördert wird die Haftungsassoziation aber auch vom Berliner Senat. Er gewährt der Assoziation „Rückbürgschaften“ in Höhe von sechzig Prozent der verbürgten Kreditsumme, also „Bürgschaften auf Bürgschaften“.

Die Haftungsassoziation soll mit einem anderen alternativen Finanzierungsinstrument – der „Kreditvermittlungsgenossenschaft“, angesiedelt bei den Berliner Stattwerken, zusammenarbeiten. Die Kreditvermittlungsgenossenschaft ist eine Einrichtung, die seit zwei Jahren selbstverwaltete Betriebe bei der Finanzierung ihres Kapitalbedarfs mit Hilfe privater Spargelder und ohne Zwischenschaltung von Banken unterstützt. Sie aktiviert private Geldgeber, stellt Kontakte zu ihnen her und hilft bei der Kreditprüfung und Abwicklung.

Die Haftungsassoziation eG hat bereits „spillover-Effekte“ ausgelöst. Auch in anderen Bundesländern wird über dieses Modell nachgedacht, beispielsweise in Hessen und Nordrhein-Westfalen. Hier gibt es auf Betriebs- und Staatsebene, nämlich im Wirtschaftsministerium, Überlegungen zur Gründung einer Bürgschaftseinrichtung für selbstverwaltete Betriebe nach dem Berliner Vorbild.

Marlene Kück arbeitet am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität und ist Vorstandmitglied der Haftungsassoziation eG.