Ganz unten liegt in manchen deutschen Buchhandlungen Günter Wallraffs Bestseller "Ganz unten". Die cleveren Händler verfielen auf den bei diesem Buch, das vom Elend und der Ausbeutung türkischer Arbeiter in diesem Land handelt, etwas makaber erscheinenden Einfall, es packenweise auf dem Fußboden anzubieten. Der unbewußte Gedanke mag bei dieser Idee mitgespielt haben, daß Dreck, hereingetragen von der Straße, diesem Buch nicht wird schaden können, schildert es ja ausschließlich eine Dreckswelt, einen Umgang mit Menschen, als seien sie der "letzte Dreck".

"Ganz unten" erschien Mitte Oktober, und in den Wochen seit der Veröffentlichung wurden vom Verlag neunhunderttausend Exemplare an den Buchhandel ausgeliefert. Um das Ungewöhnliche dieser Zahl verstehen zu können, muß man wissen, daß bei einem extremen Bucherfolg normalerweise für diesen Zeitraum hundertundfünfzigtausend Exemplare als das Äußerste gelten. Ein Ende des Wallraffbooms ist nicht abzusehen, man rechnet nun schon selbstverständlich mit einer Million Auflage noch in diesem Monat. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat das Buch als Überraschungscoup auf den Markt geworfen, es raffiniert lanciert, doch das übliche Werbegetrommel und der nicht unerhebliche Medienrummel zum Start wirken nun beinahe bescheiden, gemessen an einem solchen sensationellen Erfolg.

Forscht man beim Autor und beim Verlag, wie die sich eine derartige Resonanz erklären, dann erfährt man, daß sie selber vollkommen überrascht und ratlos sind. Daß Wallraff sich gut verkauft, ist klar seit seinem Bild-Zeitungs-Insiderbericht "Der Aufmacher", von dem in drei Monaten zweihunderttausend Exemplare abgesetzt werden konnten. Dem neuen Buch "Ganz unten" wollten sie anfangs nicht einmal so viel zutrauen: Wer interessiert sich schon für Türken? Ist das Türkenthema nicht längst gegessen? Wer wird denn ein Buch lesen, das hauptsächlich und minuziös Arbeit schildert: Arbeit in entwürdigendsten Verhältnissen?

Selbstverständlich verkauft sich das Buch im Ruhrgebiet, wo Wallraff die übelsten Erfahrungen machte und die am spektakulärsten angeschwärzten Firmen und der Diskriminierung und Versklavung von billigen Arbeitskräften Angeklagten sitzen, besser als anderswo. Doch sonst verteilt sich der Umsatz erstaunlich gleichmäßig über das gesamte Bundesgebiet. Überwiegend sind es, berichten Buchhändler, Einzelkäufer, die jetzt also überall seit wenigen Wochen täglich zu Tausenden sich diesen niederschmetternden Paperback holen.

Vielen Buchhändlern ist eines besonders aufgefallen: der außerordentlich hohe Anteil junger Leute unter den Kunden. Seit dem Report aus der Berliner Fixer- und Kinderprostitutionsszene "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" – 1,3 Millionen mal verkauft – hat zweifellos kein Buch so, stark bei den Jüngeren eingeschlagen wie Wallraffs "Ganz unten". Von Abgebrühten hört man jetzt manchmal den Zynismus, Elend habe sich immer gut verkauft. Na und? Womöglich ist dieses Elend das einzige, womit sich ein Großteil der Jugend identifizieren kann.

Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der ersten Industrialisierung und der Massenverelendung, veröffentlichten die Brüder Goncourt einen sozialanklägerischen Roman, der den Grundstein zum Realismus und Naturalismus legte, ein Programm, das dann Zola fortsetzte, der ähnlich wie Wallraff inkognito in Slums und Bergarbeitersiedlungen die proletarische Knechtschaft recherchierte. "Dieses Buch kommt von der Straße", proklamierten die Goncourts damals, es wende sich ab von den "verlogenen Romanen", die "zur guten Gesellschaft gehören. Vielleicht sind wir heute wieder in einer ähnlichen Situation. Vielleicht sind es nicht nur die Türken und deren Not, was Wallraffs Buch für junge Leser so anziehend macht.

In vielen Gesprächen mit jungen Buchhändlern und Lesern tauchte immer wieder dieses eine Wort auf – "Wirklichkeit". Es gibt offensichtlich in unserer Gesellschaft und in der Kultur, die sie repräsentiert, eine Art Wirklichkeitsdefizit. Dieses Vakuum füllt Wallraffs Buch. "Ich konnte nicht aufhören zu lesen", erklärte ein Bürgersohn, "und ich schäme mich, weil ich von alldem nichts gewußt habe. Plötzlich weiß ich, wie das Leben wirklich sein kann" – ganz unten.

Siegfried Schober