Berlin, im Dezember

Ein richtiger Trapper stirbt im Sattel", sagt ein jetzt im Westen lebender Künstler von drüben, der sich in der Funktionärshierarchie der DDR auskennt. Das ist seine Antwort auf die Frage, ob sich Erich Honecker, Generalsekretär der SED, Staatsratsvorsitzender der DDR, Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates und mittlerweile 73 Jahre alt, eines Tages freiwillig, wenn auch schrittweise, aus seinen Ämtern zurückziehen könnte. Er gab diese Antwort nur wenige Stunden vor dem Zeitpunkt, zu dem in Ost-Berlin der Verteidigungsminister der DDR, der 75jährige Armeegeneral Heinz Hoffmann, an akutem Herzversagen starb.

An Hoffmanns Geburtstag drei Tage zuvor hatte es noch keinen Hinweis auf eine Krankheit des roten Generals gegeben. Zwar wünschte das Zentralkomitee der SED schriftlich "von ganzem Herzen gute Gesundheit". Aber den Karl-Marx-Orden, den ihm Erich Honecker – zum zweitenmal – verlieh, nahm Hoffmann in einer kleinen Zeremonie noch stehend entgegen. Neuer Verteidigungsminister wurde der 65jährige Politchef der Volksarmee, Heinz Keßler, der 1941 an der Ostfront zur Roten Armee übergelaufen ist.

Heinz Hoffmanns Tod im Sattel zeigt, daß Veränderungen in der Führungsspitze der SED, dem Politbüro, in aller Regel nur durch den physischen Tod eines Mannes erzwungen werden – oder durch einen politischen Unfall. Alter oder Krankheit sind kaum entscheidend dafür, ob jemand im Politbüro bleibt oder nicht.

Honeckers Führungsriege ist nicht die jüngste. Staatssicherheitsminister Mielke wird noch in diesem Monat 78 Jahre. Erich Mückenberger und Alfred Neumann, beide 75 Jahre alt, sind nach wie vor in Amt und Würden, der eine als Vorsitzender der Parteikontrollkommission, der andere als stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats. Der Vorsitzende des Ministerrats, Willi Stoph, ist 71, der Präsident der Volkskammer, Horst Sindermann, 70 Jahre alt; beide gelten seit Jahren als gesundheitlich angeschlagen. Kurt Hager, 73, und Hermann Axen, 69, die Sekretäre für Kultur und Wissenschaft und für internationale Verbindungen, sind ebenfalls nicht mehr die Jüngsten.

Riskante Vorhersagen