Das Haus ihrer Kindheit, von Bomben schwer beschädigt, wurde abgerissen, als es den Deutschen wieder gutging und sie das Begangene als vergangen schleunigst vergaßen. Aber für die, denen dieses Haus einmal Geborgenheit, Wärme, Schutz, Liebe bedeutet hatte, ehe man sie davonjagte, war das keine Erleichterung: „Nun begann die Vergangenheit mich zu verfolgen: unser Haus, jede Ecke des Hauses, zu verschiedenen Jahreszeiten, an verschiedenen Tagen. Ich konnte seine Geräusche hören, ich konnte seine Geräusche wahrnehmen. Es wurde wieder lebendig, es gehörte mir. Keine Eindringlinge mehr. Es zwang mich, zu ihm zu kommen.“ Und dann ist sie zurückgekommen, in der Erinnerung, hat diese Erinnerung zu Papier gebracht, und daraus ist ein eindrucksvolles Buch entstanden.

Das Kind, das „dunkelhäutig, mit braunen Augen und einem Kopf voll schwarzer Locken“ im Oktober 1905 zur Welt kam, hatte nur einen Makel, der ihm 27 Jahre später bekanntgemacht wurde: Es war jüdisch.

Ruth wurde geboren und wuchs auf in Detmold, der Hauptstadt des Duodezfürstentums Lippe, das dann 1919 zwangsweise republikanisch werden mußte: „Eine kleine und, so schien es, behütete Welt, in der alles vorhersehbar und geregelt war.“ Das Städtchen, seine Menschen und das beschauliche Tun und Treiben haben in den Erinnerungen der Autorin fast märchenhafte Züge angenommen. Aber war es wirklich eine solche Idylle? Man muß die Zeit berücksichtigen und die Tatsache, daß die Eltern sehr wohlhabende Leute waren; der Vater, gelernter Textilkaufmann, hatte sich längst ins Privatleben zurückgezogen und lebte von seinem Kapital. So etwas war damals noch möglich. Daß dieses schöne Lipperland einmal sehr idyllisch war, kann sogar noch der Rezensent bezeugen, wenngleich er 27 Jahre jünger ist als die Autorin. Selbst die Kindheitserlebnisse vor 1940 hören junge Menschen heute mit Staunen.

Ruth wuchs heran, besuchte die Schule, erlebte den Ersten Weltkrieg und die Hungerjahre, machte Abitur und erlernte den Buchhandel. Dort geschah es ihr 1923, daß ein junger Kollege sich weigerte, „neben jemandem ‚nicht-arischen Blutes‘ zu arbeiten“. Aber das schreckte sie nicht, ja sie eröffnete im Frühjahr 1932 eine „moderne kleine Bücherstube“.

Doch schon ein Jahr später herrschten die Nazis. Ruth Michaelis machte sich von Anfang an keine Illusionen, löste den Laden auf und ging nach Schottland. Dort arbeitete sie sich in den britischen Buchhandel ein, wurde – wie so viele Emigranten – bei Kriegsbeginn auf der Isle of Man interniert, kam frei und eroberte sich allmählich eine angesehene Position. Ganz beiläufig erfährt man am Schluß, daß sie 1952 eine Ehe einging. Ihr Schlußwort: „Ich fühle mich in meinem neuen Land völlig zu Hause, und besonders in dem kleinen Stückchen Schottlands, das mir gehört, und in dem Garten, den ich dort pflege. Meine Erinnerungen sind immer bei mir, die traurigen und die glücklichen, und insbesondere das leuchtende Kaleidoskop meiner Kindheit.“

Das „leuchtende Kaleidoskop“ bleibt dem Leser am nachhaltigsten in Erinnerung. Besonders ist es die mit inniger Liebe gezeichnete Gestalt des Vaters, dem das kleine Mädchen und auch die erwachsene Frau nahezu alles zu verdanken scheint. Es gibt in unserer Literatur, in der so gern über die Väter zu Gericht gesessen wird, nur wenige Zeugnisse, in denen ein Vater so liebevoll charakterisiert wird. Und Ruth Michaelis-Jena zeigt, was es für ein Kind bedeutet, in einem so von Liebe und Verständnis geprägtem Elternhaus aufzuwachsen und noch später von daher soviel liebevolle Zuwendung zu erfahren. Vielleicht hat Ruth Michaelis-Jena die schweren Prüfungen ihres langen Lebens nur darum so bestehen können, weil ihr dies tagtäglich neue Kraft zum Leben gegeben hat. Ihr Buch ist Zeugnis eines tapfer bestandenen, erfüllten Lebens. Hier hat ein Mensch, der viel Schweres durchmachte, bewiesen, daß auch bittere Schicksalsschläge, Enttäuschungen, Entbehrungen und Niederlagen uns nicht vernichten oder tödlich verwunden müssen. Eckart Kleßmann

Ruth Michaelis-Jena: „Auch wir waren des Kaisers Kinder. Lebenserinnerungen“; aus dem Englischen von Regine Franzmeier; Ver-L. Wagener, Lemgo 1985; 168 S., 28,80