Münchehagen

Im Schneetreiben ist das Schild kaum zu sehen: „Das Ablagern von Abfällen jeglicher Art ist verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Geldbußen von bis zu 100 000 DM geahndet.“ Knapp eben Meter hinter dem Schild tragen die meisten Bäume keine Zweige mehr, ein wenig weiter liegen mehrere hundert Stämme auf dem Boden.

Die Kiefern sterben vor der Sondermülldeponie Münchehagen. Auf dieser Deponie, zwischen Loccum (3400 Einwohner) und Münchehagen (1800) im niedersächsischen Landkreis Nienburg, 15 Kilometer vom Erholungsgebiet Steinhuder Meer entfernt, haben Chemiker in einem Ölfilm eine Dioxin-Konzentration von 560 Milligramm pro Kilogramm ermittelt. Das ist ein weitaus höheren Wert, als 1983 im italienischen Seveso gemessen wurde. Mehrere tausend Tonnen – auf die genaue Menge will sich längst niemand mehr festlegen – dioxinhaltiger Flugasche und giftiger Rückstände des Unkrautvernichtungsmittels (Herbizid) 2,4,5-T mit der als Seveso-Gift bekanntgewordenen Dioxin-Art 2,3,7,8-TCDD lagern in den Tongruben auf dem Gelände.

Vor dem Stacheldrahtzaun stinkt es nach Schwefeldioxid. Journalisten dürfen die etwa 25 Hektar große Deponie seit der vergangenen Woche nicht mehr betreten. Wie Astronauten sehen die Chemiker in ihren weißen Sicherheitsanzügen mit Atemmaske aus, die zur Zeit dort arbeiten. Sie leiten das Wasser aus dem Polder, in dem der Ölfilm entdeckt wurde, in eine andere Grube. Unbekannte haben versucht, die Arbeit zu sabotieren. Zweimal wurden über Nacht Schläuche durchschnitten und Pumpen beschädigt.

Rund um die Uhr beobachtet

Dreizehn der insgesamt 88 Polizeibeamten, die die Anlage jetzt bewachen, haben sich nach Augenrötungen, Kopfschmerzen und Übelkeit krank gemeldet. Die amtsärztlichen Untersuchungen haben zwar – so sagt das niedersächsische Innenministerium – keine Anhaltspunkte für Erkrankungen ergeben, und ein Sprecher des Ministeriums führte die Beschwerden „auf psychologische Probleme“ zurück. Für Peter Kabus, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei, ist das allerdings nur eine Ausrede: „Hier müssen Polizisten ausbaden, was Politiker angerichtet haben.“

Der Sprecher und Gründer der Initiative „Bürger gegen den Giftmüll“, der 39jährige Schweißer Heinrich Bredemeier, kann der Aufregung um die erkrankten Polizisten noch etwas Gutes abgewinnen. „Jetzt wird doch endlich bekannt, worauf wir schon seit Jahren hingewiesen haben. Gestank, Kopfschmerzen und andere Beschwerden gehören für die Menschen in der Nachbarschaft seit den siebziger Jahren zum Alltag.“ Die 1980 gegründete Bürgerinitiative hat nach dem jüngsten Dioxin-Fund wieder Zulauf erhalten. Ihre Mitglieder beobachten die Deponie aus einem Kleinbus rund um die Uhr. Sie notieren die Nummern der an- und abfahrenden Fahrzeuge, patrouillieren um das Deponiegelände. „Nicht panisch, aber resigniert“, bezeichnet der Loccumer Pastor Ewald Dubbert die Stimmung im Landkreis. „Hier gehen die Leute nicht so schnell auf die Straße.“

Die zwischen Wäldern und Viehland gelegene Deponie hat schon häufig Schlagzeilen gemacht. Zwei Firmen machten mit der Deponie Pleite, ließen hochgiftigen Müll und finanzielle Folgeschäden in Millionenhöhe zurück.

1970 erhielt das Nienburger Unternehmen Börstinghaus und Stenzel die Erlaubnis, in den früheren Tongruben „mineralölhaltige Abfälle“ zu lagern. Zwei Jahre später wurden im Wasser der offenen Polder erstmals giftige Chemikalien gefunden. Das niedersächsische Landesamt für Bodenforschung beurteilte den Tonuntergrund zwar als sicher, ordnete jedoch das Auslegen von Plastikfolien in den Gruben zum Schutz des Grundwassers an. Als in Gewässern außerhalb der Deponie Kohlenwasserstoffe festgestellt wurden, wurde der Firma Börstinghaus die Betriebserlaubnis entzogen; sie meldete Konkurs an.

1976 erteilte das Land eine neue Erlaubnis für den Deponiebetrieb, diesmal an die „Gesellschaft für Sondermüllbeseitigung“ (GSM), die über Tochtergesellschaften den Rütgerwerken AG in Frankfurt gehört. Jeden Tag rollten hundert Lastwagen auf die Deponie, da war immer was los“, erinnert sich Karl Brommer, dem ein Waldstück neben der Deponie gehört. Ein Jahr später war der erste der fußballfeldgroßen und 25 Meter tiefen Polder gefüllt. In einem bis vor kurzem geheimgehaltenen Gutachten meldete das Amt für Bodenforschung Bedenken gegen den Bau weiterer Müllgruben an. Karl Brammer starben die ersten Bäume ab, insgesamt ist heute eine Fläche von eineinhalb Hektar betroffen. Der Forstwirt verklagte die Firma Börstinghaus, erhielt wegen des Konkurses jedoch keine Entschädigung. Seine Klagen gegen den Landkreis als Erlaubnisbehörde sind heute noch nicht entschieden.

Im April 1983 wurde Münchehagen weltbekannt, weil die 41 aus Seveso verschwundenen Dioxin-Fässer auf der Deponie gelandet sein sollten. „Da war hier die Hölle los“, sagt Heinrich Bredemeier. „Es kamen so viele Leute zu uns, daß wir das Eingangstor blockieren konnten.“ Nach zwei Tagen wurde die Suche ohne Ergebnis abgebrochen, die Bürgerinitiative schmolz in den folgenden Jahren auf drei Mitglieder zusammen.

Als die erste Aufregung vorbei war, präsentierte die Stadt Rehburg-Loccum, die im Gegensatz zum Landkreis von der SPD regiert wird, ein Gutachten, in dem vor der „deutlichen Durchlässigkeit der Tonschichten“ gewarnt wird. Da der Ton in direktem Kontakt mit dem Grundwasser stehe, sei die Gefahr einer Vergiftung gegeben. Niedersachsens CDU-Landwirtschaftsminister Gerhard Glup, Landwirt aus Cloppenburg und wider Willen seit zehn Jahren für Sondermüll zuständig, wollte von den Gefahren nichts wissen. Er verglich die Giftmülldeponie mit einem Kuhfladen: Wenn man nicht hineintrete, könne auch nichts passieren.

Die Stadt Rehburg-Loccum erreichte dennoch die Schließung der Deponie. Denn das Oberverwaltungsgericht Lüneburg stellte fest, daß der Landkreis Nienburg für den Aushub weiterer Polder überhaupt kein Planfeststellungsverfahren eingeleitet hatte.

Die Betreibergesellschaft GSM meldete im August dieses Jahres Konkurs an. Mit der Deponie sei kein Geld mehr zu verdienen gewesen, sagte ihr Geschäftsführer. 320 000 Tonnen „Sondermüll“ sind nach Schätzungen inzwischen auf der Deponie eingelagert. Die GSM hinterläßt eine Bürgschaft von 400 000 Mark. Ihre Muttergesellschaft fordert jedoch gleichzeitig wegen der „fehlerhaften Genehmigung“ 1,8 Millionen Mark Entschädigung vom Land.

Damit nicht genug: Der vierte Polder auf der Deponie ist inzwischen mit 30 000 Kubikmetern schadstoffhaltigen Wassers vollgelaufen, auf dem Boden haben sich im Schlamm Dioxine abgelagert. Klärwerkbetreiber nahmen das verseuchte Wasser zunächst nicht an. Erst nach einer kräftigen Gebührenerhöhung willigte ein benachbartes Klärwerk ein. Abfuhr und Reinigung dieses Wassers kosten das Land eine halbe Million Mark.

Im August entdeckte Bl-Sprecher Bredemeier bei einem Rundgang den Ölfilm auf Polder IV, das Landesamt für Bodenforschung nahm erste Proben wegen des Verdachts auf hochgradige Dioxin-Konzentrationen. Bredemeier: „Trotzdem ist bis Mitte Oktober das Wasser weiter zur Kläranlage gebracht worden.“ Das Hamburger Institut Natec bestätigte Ende Oktober die hohen Dioxinwerte. Das hochgiftige Öl, so wurde ermittelt, ist durch die Tonwand eines anderen Polders in die Grube gedrungen, weil die Dämme nicht gehalten haben. Teile der Deponie gelten jetzt als einsturzgefährdet. Die Giftfasser, die in Münchehagen im Boden verschwanden, kamen vermutlich vom Zweigwerk der Firma Boehringer-Ingelheim in Hamburg-Moorfleet und von einem Chemieunternehmen aus Lyon. Allein die Franzosen sollen im Mai 1980 rund 180 Tonnen mit Rückständen aus der Produktion von Pflanzenschutzmitteln nach Münchehagen gebracht haben.

Klage gegen das Land

Die Stadt Rehburg-Loccum hat gegen das Land inzwischen eine neue Klage eingereicht. Denn die Regierung in Hannover will für Münchehagen nicht viel tun. Polder IV soll weiterhin entleert und anschließend mit Ton verfüllt werden, die verseuchte Bodenschicht wird liegengelassen.

Landwirtschaftsminister Glup hat mit Hilfe der CDU-Mehrheit im Landtag den Antrag der Opposition, ihn zu entlassen, überstanden. Zu keiner Zeit sei eine Gefährdung der Anwohner der Deponie auch nur möglich gewesen, sagte Ministerpräsident Albrecht in der Debatte. Zwei Tage später verlor auf dem Gelände ein Arbeiter für 24 Stunden seinen Geruchssinn, meldeten sich die ersten Polizisten krank. In der vergangenen Woche war Glup selbst für eine knappe Stunde auf dem Gelände. Im heftigen Schneesturm wartete Waldbesitzer Karl Brammer vor dem Tor auf den Minister, konnte aber nicht mit ihm reden. Auf dem Gelände rieche es nicht nach Dioxin, sagte Glup zu den Polizisten hinter dem Stacheldraht. Wie könnte es auch: Dioxine sind geruchlos.

Hinrich Lührssen