Von Gesine Froese

Sie wissen ja“, sagt Marie-Theres Nadig mit einem zarten, ein ganz klein wenig um Nachsicht bittenden Lächeln, „Flumserberg war früher noch kleiner, und ich war eher ein Kind, das zurückgezogen gelebt hat und dann auf einmal diesen Journalisten vorgeworfen wurde. Dieser Rummel war für mich sehr hart zu ertragen.“

Flumserberg ist immer noch klein, aber Marie-Theres Nadig kein Kind mehr. Immer wieder kommt die ehemalige Medaillensammlerin, die in Flumserberg das Licht der Welt erblickte, in Flumserberg – schon mit dreieinhalb Jahren – das Skifahren lernte, die nie von Flumserberg wegzog, sondern nur auszog, um zu siegen und heute noch in Flumserberg wohnt, auf dieses Thema zu sprechen. Eine mehrfache Meisterin, kleine Schwester von drei großen Brüdern, die mit den Männern trainierte, um ihre Konkurrentinnen zu schlagen – man möchte sie am liebsten einen Teufelskerl nennen. Und nun präsentiert sie ihre alten Ängste, kann über die persönlich empfundenen Niederlagen reden, (fast) ohne mit der Wimper zu zucken.

Die Offenheit verstößt eigentlich gegen die Spielregeln, die im Krieg der Sportsterne üblich sind, wo oft der Bluff als Einschüchterungsmittel des Gegners zieht. Aber diesen Spielregeln fühlt sie sich ohnehin nicht mehr verbunden, und Gegner hat sie auch seit rund vier Jahren nicht mehr. Denn damals zog sie sich aus dem Rennsport zurück, „weil ich gesehen habe, daß es nichts für mich ist, immer in der Öffentlichkeit über alles Rede und Antwort zu stehen.“

Wir sitzen, nur hundertfünfzig Meter von ihrer Wohnung auf der Mätzwiesen, nur ein paar Schritte von der Tannenheimer Talstation entfernt, im Hotel, zu dem ihr Sportartikelladen gehört. Tannenheim ist der eine Einstieg ins Flumserberger Skigebiet, das rund zweihundert Meter höher gelegene Tannenbodenalp der andere. Zwischen beiden windet sich die Straße empor und fädelt kleine und kleinste Ortschaften auf, die alle zur Großgemeinde Flumserberg (Kanton St. Gallen) gehören und allmählich zu einer verschlungenen Girlande von Appartementhäusern und Pensionen verwuchsen: Insgesamt 300 Ferienwohnungen und Chalets gibt es in Flumserberg. Fast jeder Platz an der Durchgangsstraße ist irgendwie (durch einen Zubringerlift oder eine kleine Schneefurt) an das 50-Kilometer-Pistennetz mit den Hauptachsen Tannenheim und Tannenbodenalp geknüpft. Angenehmer Nebeneffekt dieser Dezentralisierung: Die Pisten sind nie überfüllt.

Marie-Theres trägt noch ihren Skianzug. Sie kommt geradewegs von der Piste, direkt von der Arbeit. Mit ihrem sonnengebräunten Teint könnte sie wunderbar Werbung für Sonnenschutzmittel machen, aber sie hat sich ja schon einem Skihersteller versprochen – und der eigenen Schule. Täglich von zehn bis zwölf und von 14 bis 16 Uhr „gibt sie ihre Erfahrungen und Kenntnisse“ als Leiterin der Rennschule der Flumserberger Skischule an jugendliche Talente weiter. Text ihres Rennschul-Prospekts: „Erfolge im internationalen Skizirkus entstehen nicht durch Zufall. Hartes Training und Erfahrung führen zum Erfolg.“

Nein, sie wollte keine Skischule betreiben, wo sie vor den Schülern herfahren muß und ihnen erklären, wie man den Pflugbogen macht. „Mir war es eigentlich daran gelegen, daß Jugendliche die Möglichkeit haben zu trainieren, richtig Stange zu fahren“, sagt sie sehr sicher, so wie eine, die nun endlich ganz genau weiß, was sie will. An die Sicherung ihrer Existenz hat sie, mit familiärer Unterstützung, schon früh gedacht – sie eröffnete ein Sportartikelgeschäft, das sie mit einem ihrer Brüder führt. Und nun diese Rennschule, von ihr erst in Eigeninitiative aufgebaut und dann, auf eigenen Wunsch, in die heimische Skischule integriert („wozu eine Konkurrenz im eigenen Ort anfangen?“), sie schlug stärker ein, als sie es erst erwartet hatte.

Ihrer großen Erfolgszeit scheint sie mit keiner Träne nachzutrauern. „Für mich war das Skilaufen immer das Wichtigste, die Freude, draußen zu sein“, sagt sie. Das war auch in Sapporo so, wo sie 1972 Goldmedaillen in der Abfahrt und im Riesenslalom gewann. Sie erinnert sich zurück: „Die große Favoritin war ja damals die Annemarie Pröll. Und für mich war ja der erste Platz an und für sich sowieso besetzt. Ich hab’ gesagt, wenn’s geht, geht’s und wenn nicht, dann nicht.“

Es ging dann freilich viel besser, als alle erwartet hatten: die in Sapporo, die in der Schweiz und die daheim in Flumserberg. Sie gewann die olympischen Medaillen trotz der Favoritinnen, trotz Schneesturm und widriger Pistenverhältnisse. „Das Entscheidende war sicher meine Unbefangenheit damals“, meint sie rückblickend, „ich war ja so jung, erst siebzehneinhalb, und fühlte mich, so weit weg von zu Hause, so losgelöst und unbeobachtet wie nie wieder.“

Einen Monat nach ihren beiden Medaillen kehrte sie heim. Und da war es aus mit der Losgelöstheit. Nicht nur die ganze Welt verlangte nach ihr, auch Flumserberg vermarktete flugs das eigene Kind, indem es die werbewirksame Mitteilung in die Welt streute, Marie-Theres Nadig mit einem Grundstückgeschenk zu ehren. Damit war sie freilich in der Pflicht. Und nicht nur da. Eine Verpflichtung jagte die andere.

Daß diese ewigen Empfänge genau das Falsche für sie waren, das merkten sie und ihre Familie spätestens zu Beginn der nächsten Rennsaison. „In dem Alter kann man eben nicht einschätzen, was gut oder schlecht ist“, sinniert sie da, „und ich war eigentlich auf meine Familie angewiesen, die natürlich auch nicht auf diesen ganzen Rummel vorbereitet war. Und wir hatten dann auch einfach ein bißchen Angst, etwas abzusagen, wollten es allen recht machen.“

Die Rechnung dafür wurde ihr bald serviert. Sie erklärt sich das große Tief nach Sapporo, das von kleinen Verletzungen und „Ungeschicklichkeiten“ geprägt war, so: „Ich habe danach alles sehr gut machen wollen und war dadurch dann verkrampft.“ Ein paar Jahre hat es freilich noch gedauert, bis sie wieder in sportlicher Hochform war. Mit Unbefangenheit konnte sie nun nicht mehr gewinnen, also mußte sie eisern trainieren. Und sie tat es auf ihre – Flumserberger – Art: „Ich bin frei gelaufen, dort wo ich wohnte, viele Kilometer, mit wenig Kraft, aber mit viel Gefühl.“ Vor allem eine Abfahrt, die schwerste natürlich, hatte es ihr auf ihrem Berg angetan: die zehn Kilometer lange Terza, die von 2222 Meter Höhe durch meist ungespurten Tiefschnee bis hinunter nach Oberterzen zum Walensee führt. „Die bringt alles, da bin ich wieder glücklich und zufrieden“, bekennt sie fast sehnsuchtsvoll.

Diese Abfahrt empfiehlt sie auch den guten bis sehr guten Skifahrern, die in die Großgemeinde Flumserberg kommen. Ansonsten macht sie aus „ihrem“ Flumserberg durchaus kein Renngebiet: „Es ist nicht das Skigebiet, wo man zehn Tage fahren kann und immer eine andere Piste zur Verfügung hat, dazu haben wir nicht die Möglichkeiten.“

Angefangen hat es mit der Feriengroßgemeinde Flumserberg als Molkenkurort, da kurierte sich 1916 schon Lenin. Durch die Eröffnung des (1921 abgebrannten) Hotels „Oberberg“ wurde um die Jahrhundertwende Flumserberg zum Wintersportberg. Zu den „vielen berühmten Männern (so weiß es die Chronik), die in Flumserberg weilten, soll auch der erste Skiwachsfabrikant gehört haben.

Heute zieht es vor allem Wochenendgäste aus Zürich und Familien an. Marie-Theres Nadig bricht eine Lanze für ihr Skigebiet: Das Wichtigste sei, sagt sie, daß Flumserberg nicht nur sehr schnee-, sondern auch lawinensicher ist. Vor allem für Familien mit Kindern sei es wegen seiner breiten und völlig ungefährlichen Pisten ideal. Und von denen wird das 1000 bis 2200 Meter hohe Skigebiet auch in der Tat hauptsächlich besucht.

Über die schöne Landschaft, über das sprichwörtliche Hochgefühl beim Pistenfahren in Flumserberg spricht sie gar nicht mehr. Wo fühlt man

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sich schon so steil über zwei tiefen Tälern (Flums kommt von lateinisch „flumen“, und bedeutet „Dorf zwischen den Flüssen“), und wo hat man noch so viel Platz auf so breiten Pisten, daß man nicht nur immer und immer wieder weit ausholen, sondern gar abheben möchte? Drunten liegt wie ein großer Pool der Walensee und jede Abfahrt scheint eine Rutschbahn in diesen See zu sein. Gegenüber ein majestätischer Zaun: die sieben Zacken der Churfirsten. Eine wahrhaft erhebende Kulisse.

Hier also hat sie sich wieder aufgepäppelt und es nachher sich und der Welt gezeigt. Sieben Jahre nach Sapporo war sie dann soweit, und sie siegte wieder. So sicher und unentwegt, daß die Frankfurter Rundschau schrieb: „Die Pröll dieses Winters heißt eindeutig Marie-Theres Nadig.“

Nun konnte sie mit dem langersehnten Erfolgserlebnis aussteigen. Aber die Brüder überredeten sie: eine Saison noch. Schließlich wollte auch sie noch einmal, und das Sensationelle geschah: Sie gewann just in dieser ihrer letzten Saison 1981 den Gesamtweltcup. Und wieder, weil sie so losgelöst war. „Ich wußte eben, daß ich nicht wieder laufen würde, das hat mich so frei gemacht.“

Ich treffe sie am nächsten Tag auf der Piste. In großen, weiten Schwüngen kommt sie die rote Prodkamm-Piste hinunter zum Plateau der Mittelstation Prodalp. Umschwärmt von ihrem Jungtalenttrupp. Die Bergstation Prodalp ist der Angelpunkt des Flumserberger Skizirkus, der die wie in Stufen übereinanderliegenden Orte von Flumserberg untereinander verbindet, von Bergheim über

Information und Preise: Flumserberg

Anreise: Autofahrer gelangen auf der N 3 über Basel/Zürich nach Flumserberg, oder sie fahren über Bregenz auf der N 13 bis zur Abzweigung Sargans und dann weiter nach Flumserberg.

Pauschalangebot: Offeriert wird beispielsweise das „Spitzmeilen-Päckli“ von 433 Franken an, im Preis enthalten sind unter anderem sechs Tage Halbpension, fünfeinhalb Tage Skiunterricht, Fünf-Tage-Skipaß und freier Eintritt zur Eisbahn.

Skipaß: Die Wochenkarte kostet für Erwachsene 140 Franken, Kinder zahlen 98 Franken,

Sonstiges: Für zwei Stunden Training mit Marie-Theres Nadig müssen 50 Franken gezahlt werden.

Auskünfte: Verkehrsbüro, CH-8898 Flumserberg; Schweizer Verkehrsbüro, Kaiserstraße 23, 6000 Frankfurt, Tel. (0 69) 25 60 01.

Tannenheim bis Tannenbodenalp. Auf der Prodalp stand 1880 das „Kurhaus Prodalp“, das erste Ferienhotel.

Man trifft hier auf der Prodalp auch den Sapporo-Silbermedaillengewinner Edy Bruggman, wenn er mit seinen Gästen skiläuft. Mit der erfolgreichen Marie-Theres Nadig verbinden ihn zumindest gemeinsame Erinnerungen an einen überwältigenden Empfang daheim, es verbindet beide freilich auch das Geschäft: Sie hat einen schönen Laden in seinem Hotel bekommen, und er kann mit dem Namen seiner großen Kollegin werben.

Edy Bruggman ist seit 1974 Hotelier, jedoch er kann und will sich nicht allein auf das langsam Patina ansetzende Lockmittel Ex-Medaillengewinner verlassen. So müht er sich mächtig, seine Gäste mit netten Veranstaltungen zu unterhalten.

Wenn man sich die Aktivitäten der beiden berühmten Flumserberger anschaut, dann könnte man fast auf die Idee kommen, daß nicht eigentlich die beiden Olympiasieger fest in der Hand ihres Heimatortes sind, sondern eher umgekehrt: Der Ort ist fest in ihrer Hand. Befragt, wie sie sich die Zukunft von Flumserberg vorstellt, sagt Marie-Theres Nadig: „Ich hoffe, daß es nicht viel größer wird, für mich gesehen wäre das nicht schön.“