Von Joachim Riedl

Jeder Mensch verrät sich vollkommen in seinen Einteilungen. Elias Canetti

Wie sterben Genies: In diesem toten Haus, in dieser Verdammnis? "Der Philosoph haßt sich selbst", notierte er. "Ein Haus mit immer verschlossenen Läden ... Frag’ lieber nicht, wie es im Haus ausschaut ... die Fenster verschließen sich von drinnen: nur noch dichter."

Otto Weininger ist 23 Jahre alt, Doktor der Philosophie, ein jugendlicher Asket aus dem Wien der Jahrhundertwende; er ist einer zwanghaften, grüblerischen Suche nach Selbsterkenntnis verfallen und verstrickt sich immer tiefer in den tödlichen Glaubenskampf mit der eigenen Existenz. Zeitgenossen erscheint er stets wie nach einer dreißigstündigen Bahnfahrt, schmutzig, ermüdet, zerknittert, dem "russischen Verbrechergefühl des Selbstgepeinigten" verwandt. Eine junge Verehrerin gemahnt er hingegen an "Jesus Christus".

"Er suchte alle Menschen so zu bestimmen, wie der Botaniker seine Pflanzen bestimmt", erinnerte sich Jahrzehnte später sein bester Freund, Hermann Swoboda, in einer Gedenkrede. Sein Lebensideal, das war "eigentlich ein Heiligenideal".

Am Tag seiner Promotion konvertiert Weininger, der Sohn eines jüdischen Goldschmieds, zum Protestantismus. Er bricht damit sowohl mit der eigenen Herkunft als auch mit seiner katholischen Heimatstadt. Seine Doktorarbeit erweitert er zum opus magnum; auf 600 Seiten breitet er darin die Summe seines Lebens aus. Es ist das Kostrukt eines grandiosen Frauenhasses, dem auch das Judentum zum Opfer fällt, da es ihm "durchtränkt scheint von Weiblichkeit". In beiden, in Frauen und Juden, erblickt Weininger eine Bedrohung: Sexualität, Schuld, nur Körper und Materie, bar jeden Geistes, jeder Seele oder jeder Sittlichkeit. Beides bedrängt und quält ihn in seinem Innersten. Erlösung verspricht nur ein Genius, der Inbegriff des Männlichen. Dessen höchste Form sieht Weininger im Religionsstifter.

Sein großes Werk, "Geschlecht und Charakter", möchte dazu Bibel sein. Doch das Buch erregt nur bescheidene Aufmerksamkeit; weder provoziert es einen Skandal, noch entfacht es die Begeisterung, die einer neuen Heilslehre zukommen müßte. Hat er versagt? Phasen tiefer Depression befallen ihn. Seine Persönlichkeit spaltet sich: Ein unheilvoller Doppelgänger, den Weininger "das Ensemble aller bösen Eigenschaften des Ich" nennt, grinst ihm entgegen. Jean Améry hat in seinem Essay "Hand an sich legen" versucht, die letzten Tage des Selbstmörders nachzuempfinden. In seinem "zum Tode erregten Hirn" spuken die triumphierenden Angstgestalten, eine "Kesselpauke" dröhnt in seinem Kopf, zuletzt ein "rasender Wirbel": "Er sah und hörte nur ohne Unterbrechung: Weib, Jude, Ich, weg mit allem."