Bereits 600 000 Menschen hat das Regime auf diese Weise in den Süden verfrachtet. Dort fehlt es oft am Notwendigsten: an Unterkunft, frischem Wasser, medizinischer Versorgung. Die Hochlandbewohner, ohnehin vom Hunger geschwächt, verkraften die klimatische Umstellung nicht. Krankheiten raffen sie in den malariaverseuchten Gebieten hin. Holger Baum von der Welthungerhilfe befürchtet, "daß die Leute vom Regen in die Traufe kommen". Die Umsiedlung werde zu schnell und zu hektisch betrieben. Solange die äthiopische Regierung keine vernünftige Abwicklung gewährleisten könne, werde die Welthungerhilfe die Umsiedlung nicht finanziell unterstützen. "Wir löffeln nicht die Suppe aus, die sich die Äthiopier durch Fehlplanung selbst eingebrockt haben."

Wie empfindlich Addis Abeba auf Kritik reagiert, zeigte sich in der vergangenen Woche, nachdem die französische Hilfsorganisation Médicins sans Frontieres (Ärzte ohne Grenzen) schwere Vorwürfe gegen die Methoden der Umsiedlung erhoben hatte. Zwischen 50 000 und 100 000 Umsiedler seien auf dem Treck in den Süden bereits gestorben, behauptete die MSF-Zentrale in Paris. Vor allem in den Durchgangslagern herrschten unbeschreibliche hygienische Zustände. Dutzende kämen dort täglich ums Leben. "Diese Camps sind wie Jauchegruben", berichtete MSF-Präsident Rony Braumann. "Die Menschen stapeln sich übereinander und schwimmen in Exkrementen. Es ist widerwärtig."

Das war für die äthiopische Regierung dann doch zu starker Tobak. Sie warf die französischen Ärzte und Krankenschwestern aus dem Land. Neben engagierten Helfern, giftete der stellvertretende RRC-Vorsitzende Bernanu Deressa, habe Medicins sans Frontieres "selbsternannte kleine Tarzans" nach Äthiopien geschickt, um dort "herumzuschnüffeln und falsche Berichte zu fabrizieren". Auf einer Pressekonferenz in London wiederholte Rony Braumann am letzten Wochenende seine Anklagen: Die rücksichtslos durchgeführte Umsiedlungsaktion fordere mehr Opfer als der Hunger!

Im Bonner Entwicklungshilfeministerium hält man die Schätzungen von Medicins sans Frontieres über die Zahl der Toten für realistisch. Es könne sehr wohl sein, daß von den 600 000 Umsiedlern zehn Prozent gestorben seien. Die äthiopische Regierung wehrt sich indessen entrüstet gegen die "bösartige Pressekampagne" und die "grundlosen Vorhaltungen" der französischen Ärzte. Ohnehin sei sie die kleinste der 47 Hilfsorganisationen im Land, rief RRC-Vize Berhanu Deressa den geschaßten Helfern hinterher; sie hätten "mehr Lärm gemacht, als Wunder vollbracht". Von westlicher Kritik will sich Addis Abeba bei seiner "humanitären Operation" nicht beirren lassen. "Um jeden Preis werden wir mehr Leute in den Süden umsiedeln", beharrt der äthiopische Botschafter in Bonn, Tadesse Terrefe, "egal, was andere Länder sagen."

Ärger mit dem Westen hat Addis Abeba nicht nur wegen der Umsiedlung. Seit die Revolutionstruppen unter Mengistu Haile Mariam 1974 das Feudalregime des preisen Negus Haile Selassie hinwegfegten, hat Äthiopien einen konsequent sozialistischen Kurs eingeschlagen und sich außenpolitisch eng an die Sowjetunion angelehnt. Diese liefert zwar reichlich Waffen und Munition für den Krieg gegen die Aufständischen in Eritrea und Tigre, spart aber beim Entwicklungsgeld. Den Westen verprellten die neuen marxistischen Herren in Addis Abeba, als sie begannen, die Landwirtschaft zu kollektivieren. Seit den Massakern an Regimegegnern und dem Ausbruch des Ogadenkrieges im Jahre 1977 hat die Bundesregierung kein einziges Entwicklungsprojekt mehr bewilligt. Lediglich die laufenden Vorhaben wurden noch zu Ende geführt; dann zog Bonn seine Helfer ab.

Mit einem jährlichen Durchschnittseinkommen pro Kopf der Bevölkerung von 120 Dollar gilt Äthiopien heute als das ärmste Land der Erde. Zwar weiß nach den Worten des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), Volkmar Köhler, auch die Bundesregierung inzwischen, "daß Nahrungsmittelhilfe in die Entwicklungszusammenarbeit integriert werden muß". Doch die Praxis im Falle Äthiopiens sieht anders aus. Auf die Nachrichten von der Dürrenot reagierte Bonn unbürokratisch und großherzig: 143,2 Millionen Mark gab der Bund 1984 dem Hungerland. Von den 2,2 Milliarden Mark deutscher Entwicklungshilfe, die 1984 nach Afrika flossen, bekam Äthiopien indes nichts. Lediglich zwanzig Millionen Mark an "Technischer Hufe" wurden für die Ausbildung von Landwirtschaftsberatern, für die Wiederaufforstung und die Züchtung dürreresistenten Saatguts bereitgestellt. Finanzielle Hilfe versagte Bonn sich, denn die, so ein BMZ-Mitarbeiter, "setzt Zutrauen in die Fähigkeiten und die Politik des Empfängerlandes voraus".

An diesem Zutrauen aber scheint es zu fehlen. Zum "Politikdialog", den sich Minister Jürgen Warnke mit den Entwicklungsländern wünscht, gehört nach seiner Ansicht auch, "daß wir die Länder, die auf den Einsatz und die schöpferischen Kräfte des Einzelnen bauen, bevorzugt unterstützen". Da kann die äthiopische Regierung, die in der Landwirtschaft auf Staatsfarmen und Bauernvereinigungen setzt, lange auf Bonner Hilfe warten.