Von Ulrich Stock

Schwandorf

Dienstag, 10. Dezember 1985. Heute morgen hat der 22. Senat des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs in München entschieden: keine einstweilige Anordnung gegen den Bebauungsplan "Westlicher Taxöldener Forst". Die Oberpfälzer Atomkraftgegner haben damit den juristischen Kampf gegen den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) bei Wackersdorf praktisch verloren. Morgen früh will die "Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen" (DWK) mit der Rodung von mehreren hunderttausend Bäumen beginnen. Gekämpft wird jetzt im Wald.

Rupert von der Bürgerinitiative holt mich abends vom Bahnhof Schwandorf ab. Der Gymnasiast fährt die dreizehn Kilometer zum Baugelände in einem Tempo, als wäre hinter uns gerade eine Atomfabrik explodiert. Dabei droht im Augenblick nur Straßenglätte. Am Waldrand befindet sich das "Rote Kreuz", eine Weggabelung. Hier halten die Atomkraftgegner seit dem 4. Oktober Tag und Nacht Wache. Unter einer Christusfigur brennen Kerzen, Transparente markieren den Weg: "Alle reden vom Wald – wir roden ihn. DWKCSU."

Wohl 200 Menschen versammeln sich jetzt unter sternenklarem Himmel bei frostiger Kälte. Im Schein von Fackeln, Petroleumleuchten und Taschenlampen ziehen wir zu einer Lichtung, die im August einen halben Tag lang besetzt war, bis sie von der Polizei geräumt wurde. Im Anschluß an die Großdemonstration am 12. Oktober in München schlugen sich schwarzgekleidete Demonstranten mit Polizisten. Tragen die Oberpfälzer den Widerstand trotzdem weiter mit? "Das ist doch alles von oben gesteuert, um uns auseinanderzudividieren", sagt eine ältere Frau aus dem Landkreis, die in ihren Lederstiefeln neben mir durch dem Morast stapft. "Woher kommen Sie?" fragt mich ihre Begleiterin, und dann – messerscharf: "Dafür oder dagegen?"

Die Männer leuchten in das Unterholz hinein. "Wenn du einen Baum siehst, der zwei Arme hat, ist es ein Polizist", scherzt einer. Doch kein Beamter ist zu sehen. Mitten im Wald gibt es eine Kundgebung. Frauen singen gegen die Atomkraft.

Mittwoch, erster Rodungstag. Um fünf Uhr in der Früh fahre ich zum Roten Kreuz. 75 Menschen drängen sich um zwei Feuerstellen. Im Morgengrauen kommt die Polizei mit einer unübersehbaren Zahl von Mannschaftswagen. Fernsehteams treffen ein. Wolfgang Daniels, promovierter Physiker und Bundestagsnachrücker der Grünen, ist der kluge und besonnene Wortführer der Aufständischen. Vor den Kameras muß er fast nur auf Fragen nach Gewalttätigkeiten antworten. Dabei ist nicht einer zu sehen, der vermummt wäre oder einen Helm trägt. Die Polizei befiehlt, das Feuer zu löschen. Der vor Feuchtigkeit triefende Wald soll nicht abbrennen, bevor er gerodet wird.