Von Erwin Brunner

Zweifel scheint er nicht gekannt zu haben. Wo andere Ärzte nicht mehr weiterwußten, hatte er eine Devise: "Das machen wir schon." Mit Skalpell und Knochensäge waren er und sein Team stets schnell zur Hand: fast 37 000 Eingriffe in achtzehn Jahren; bis zu dreißig pro Operationstag. Er war ein Arbeitstier, selbstherrlich, autoritär. Seine Art mochten die Patienten – oder auch nicht.

Er war eine Koryphäe: Professor Dr. Dr. Dr. Rupprecht Bernbeck, von 1963 bis 1981 Chef der Orthopädie des Hamburger Allgemeinen Krankenhauses Barmbek. Ein Spezialist, zu dem die Patienten von weither kamen, um sich von ihm operieren zu lassen.

Vor vier Jahren ging Professor Bernbeck in Pension. In den Ruhestand ist der heute 69jährige Arzt damit wohl kaum getreten. Bei der Hamburger Gesundheitsbehörde liegen 165 Schadenersatzansprüche ehemaliger Patienten, die durchweg behaupten, Bernbeck habe sie verpfuscht. Im Rathaus tagt seit Anfang Oktober jede Woche ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuß der Bürgerschaft, um Licht in eine Affäre zu bringen, die es in diesem Ausmaß in der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat:

War da jahrelang ein operationswütiger Arzt am Werk gewesen, der Dutzende, ja Hunderte Kunstfehler beging? Und – nicht minder schlimm – hatte die Gesundheitsbehörde dies sehenden Auges geduldet: heikelste Operationen unter hygienischen Bedingungen, die jeder Beschreibung spotteten?

Oder sind all die nun ruchbar gewordenen Fälle nur "Mißerfolge, die wohl keinem klinisch-chirurgisch tätigen Operateur ganz erspart bleiben", wie Professor Bernbeck, er lebt heute am Starnberger See, in einem Interview der ÄrzteZeitung abwiegelte? Inklusive falsch eingesetzte Prothesen, stümperhaft ausgeführte Operationen, nicht oder zu spät erkannte Infektionen mit unabsehbaren Nachwirkungen?

Der von Geburt an körperbehinderten Patientin Kerstin Hagemann setzte der Professor im Oktober 1978 ein künstliches Hüftgelenk ein. Vor der Operation konnte sie, wenn auch mehr schlecht als recht, noch gehen. Seit dem Eingriff ist die heute 26jährige Sozialpädagogik-Studentin auf den Rollstuhl angewiesen: Bernbeck hatte ihr die Gelenkpfanne der Endoprothese um 180 Grad verdreht implantiert.

Vertrauensvoll hatte sich 1979 auch der Postbeamte Rainer Janke in Bernbecks orthopädische Abteilung einweisen lassen. Seine O-Beine sollten korrigiert werden. Und der Professor ("eine unproblematische Sache") operierte – so "wie niemand in Deutschland" und "unter grober Verletzung der gebotenen Sorgfalt", wie der Chirurg Dr. Otto Niemann als Gutachter hinterher feststellte. Die Schädigung seiner Schienbeinknochen erwies sich bisher als irreparabel. Rund dreißig weitere Eingriffe mußte Rainer Janke seitdem erdulden; heute sitzt er, 35 Jahre alt, im Rollstuhl.

Einzelfälle? Auf seinem Leidensweg durch Hamburger Kliniken wurde Janke bald das Gegenteil klar. Scharenweise mußten Bernbeck-Patienten zum Beispiel in der renommierten Endoklinik für Knochen- und Gelenkchirurgie nachbehandelt werden. Offenbar hat dies keinen der Ärzte je stutzig gemacht. Wohl aber Rainer Janke: Ende 1983 wollte er zusammen mit jenen Leidensgenossen, die er inzwischen kennengelernt hatte, in der Hamburger Morgenpost per Inserat nach weiteren Bernbeck-Geschädigten suchen. Als der Redakteur Gerd-Peter Hohaus davon erfuhr und der ungeheuerlichen Geschichte nachging, wurde anders entschieden.

Am 10. Januar 1984 erschien die Morgenpost mit großem Aufmacher: "Chefarzt machte uns zu Krüppeln" – der "Krankenhaus-Skandal" war publik. Das Echo dieser ersten sechs Leidensgeschichten übertraf alle Befürchtungen: Mehr als zweihundert Patienten meldeten sich bei Janke – alle mit der Behauptung, an den Spätfolgen Bernbeckscher Operationen zu leiden.

Seither ist die Affäre um dem Chirurgen zu einem hochbrisanten Aufklärungsstreit geworden. Die "Patienteninitiative", zu der sich die Bernbeck-Geschädigten zusammengetan haben, fordert eine Aufdeckung der jahrelangen Mißstände im Barmbeker Krankenhaus und materielle Entschädigung für die erlittenen Spätfolgen. Eine "Pro-Bernbeck-Initiative" kämpft für ihren verehrten Meister. Bernbeck selber verschanzt sich hinter dem Wortmonstrum "Fehlheilungen" und wähnt sich als Opfer einer Medienhetze sozialistischer Systemveränderer. Seine Kollegen bescheinigen ihm reihum "Genialität" – oder schweigen, wie es halt so Standessitte ist. Die Gesundheitsbehörde übt sich in bürokratischer Verantwortungsflucht und Wiedergutmachungshektik.

Forum dieser mittlerweile schon glaubenskampfartigen Vergangenheitsbewältigung ist der Parlamentarische Untersuchungsausschuß "Orthopädie AK (Allgemeines Krankenhaus) Barmbek" – eine Runde, die nicht nur mit der Rekonstruktion des Bernbeckschen Wirkens, sondern auch mit sich selber ihre Schwierigkeiten hat. Denn, natürlich, ist die Affäre längst auch ein (Partei-)Politikum. Die CDU – zumal der umstrittene Ausschußvorsitzende Dr. Sieghard-Carsten Kampf, ein Arzt – will für dieses düstere Kapitel vor allem den SPD-Gesundheitssenat in die Pflicht nehmen. Jan Jallas von der SPD und der GALier Michael Herrmann sehen indes in den Ärzten der Barmbeker Orthopädie die Hauptverantwortlichen des Skandals.

Begonnen hat diese unendliche Geschichte im Jahr 1963. Aus München wurde Professor Dr. Dr. Dr. Rupprecht Bernbeck, ein dreifacher Facharzt (Orthopädie, Chirurgie, Gynäkologie), als neuer Chef der Orthopädischen Abteilung des Krankenhauses Barmbek berufen. Hervorgetan hatte er sich schon in München, wo er 1949 auf dem Orthopädenkongreß die von ihm entwickelte "intertrochantere Drehrotations-Varisierungsosteotomie" vorstellte, eine Operationsmethode zur Korrektur angeborener Fehlstellungen der Hüftknochen.

Provisorien war Bernbeck gewohnt (im Weltkrieg diente er zeitweise als Schiffsarzt auf einem U-Boot), also stieß er sich auch nicht an den schlechten Räumlichkeiten, in denen er hinfort zu arbeiten hatte. Der Operationstrakt im ersten Obergeschoß des Hauses 14 der Barmbeker Klinik war 1950 – zuvor betrieben hier die britischen Besatzer ein Lazarett – behelfsmäßig eingerichtet worden. Der Eingang zum Operationssaal lag direkt gegenüber dem einzigen Gebäudeaufzug, den notgedrungen jedermann benutzen mußte: Patienten, Besucher, Essenträger, Putzkolonnen.

Unter dem neuen Chefarzt lief die Abteilung bald auf Hochtouren. Fünfhundertsiebzig Operationen hatte sein Vorgänger im letzten Dienstjahr ausgeführt; Bernbeck machte schon 1965 weit über zweitausend Eingriffe, später gar dreitausend pro Jahr. Zu tun gab es genug, Bernbeck erwarb sich schnell weit über Hamburg hinaus einen Ruf als Operateur, die Wartelisten der Barmbeker Orthopädie wurden lang und länger.

In den siebziger Jahren muß es zuweilen zugegangen sein wie in einem Feldlazarett. Flur und Warteräume überfüllt mit Patienten. Ein knapp fünfzig Quadratmeter großer OP-Raum, in dem an drei Operationstagen pro Woche jeweils bis zu dreißig Eingriffe gemacht wurden. Fast ein Drittel aller Patienten schickte Bernbeck nach ambulanter Operation wieder nach Hause oder in andere Krankenhäuser – in der Orthopädie der Barmbeker Klinik gab es nur 165 Betten: zu wenige, um mit dem Arbeitseifer des Chirurgen Schritt zu halten.

"Es herrschten chaotische Zustände", berichtete eine Patientin, die 1978 bei Bernbeck in Behandlung war, "die Ärzte wußten oft schon nicht mehr, welcher Patient wer war." Szenen wie in Gruselfilmen soll es gegeben haben. Bernbeck im blutverschmierten OP-Kittel über den Krankenhausflur zum Telephon eilend. Der Professor in ebensolcher Tracht einen Joghurt löffelnd. Über die offenstehenden OP-Raumtüren erschrockene Patienten und dazu des Chefarztes flotte Lippe: "Laßt doch die Leute sehen, was für ein blutiges Geschäft wir haben." Bernbeck ab kurz angebundener Visitengrobian: "Du willst doch nicht mehr Miß Westerland werden."

So bedenklich wie des Professors Eigenarten waren die hygienischen Verhältnisse, die der Parlamentarische Ausschuß ebenfalls untersucht. Augenzeugen erzählten: Es wurden schon mal im Flur oder in Nebenräumen, die auch als Archiv und Wäschekammer dienten, Patienten für die Operation in Narkose versetzt. Oder in einer Küche, in der üblicherweise für Kinder gekocht wurde, vereiterte Gipse aufgesägt. Von unbedingt erforderlicher Gliederung in sterile und nichtsterile Bereiche konnte in der Barmbeker Orthopädie nicht die Rede sein.

Am ärgsten war es um die Hygiene bestellt. Vom Flur und einem Gipsraum durch keinerlei Schleuse getrennt, war der OP-Raum durch jedes Türöffnen schier jeder Art von Krankheitserregern ausgesetzt. Um der Gefahr von Infektionen vorzubeugen, wurden mit Desinfektionslösung getränkte Leintücher ausgelegt. Im übrigen, so die Operationsschwester Barbara Wenzel, "wurde halt geputzt und gewischt und gesprüht, um die Hygiene einigermaßen im Griff zu behalten". Bernbeck selber setzte, wie er 1972 einmal schrieb, auf ein Allheilmittel: "Sämtliche Operationswunden werden durch Einstreuung und Abdeckung mit antibiotischen Puderpräparaten prophylaktisch lokalbehandelt."

Beim Operieren muß es zuweilen nicht minder risikofreudig hergegangen sein. "Möglichst schnell", berichtete Oberarzt Dr. Claas-Hinrich Hastedt, "mußte gearbeitet werden": Einmal, um die Patienten tatsächlich kürzerer Infektionsgefahr auszusetzen, zum anderen, um die enormen Wartelisten abzubauen. Für die Implantation einer künstlichen Hüfte, "die andernorts bis zu drei Stunden dauert, brauchten wir ein bis zwei Stunden" (Hastedt). Seine Spezialität, beidseitige Umstellungen der Hüfte bei Kleinkindern, schaffte Bernbeck gar in einer halben Stunde und weniger.

"Nicht gut" könne all dies immer gewesen sein, erzählte kleinlaut der Orthopäde Dr. Franz Steermann, ein ehemaliger Assistenzarzt des Professors, dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß. An den Folgen hygienischer Mißstände und des Bernbeckschen Operationseifers tragen heute Hunderte Patienten. Hüftgelenke wurden falsch implantiert, Beine wiesen nach den Eingriffen plötzlich unterschiedliche Längen auf, Infektionen richteten schwere Dauerschäden an, in ganz schlimmen Fällen wurden hinterher gar Amputationen notwendig.

Kunstfehler? Ärztliches Fehlverhalten? Davon mögen auch noch heute Bernbecks ehemalige Kollegen nichts wissen. Über Indikationen könne man streiten, behaupten sie durchweg, und die hygienischen Zustände seien zwar "unbefriedigend", aber nicht schlechter gewesen, als in anderen Krankenhäusern auch. "Leider", so der Bernbeck-Oberarzt Dr. Hans de Vries vor dem Untersuchungsausschuß, "haben sich Erwartungen in bestimmte Eingriffe oft nicht ergeben."

Ob das auch am Klima in der Barmbeker Orthopädie gelegen haben könnte? "Diskutiert wurde hier viel weniger als in anderen Kliniken", wunderte sich der Assistenzarzt Steermann, "aber bei dem Zeitdruck, der herrschte, hätte dies ja geradezu den Betrieb gestört." Die Indikationsstellung "war Aufgabe der Häuptlinge, nicht der Indianer", gab der Orthopäde Dr. Wolfgang Dierbach zu Protokoll, der in den frühen siebziger Jahren bei Bernbeck seinen Facharzt machte. "Nur ausgewichen" sei ihr der Professor, so die Ärztin Petra Heansel-Lohrberg, "wenn es mal darum ging, eine Operation zu erklären."

Mehr noch: "Ausgelacht" habe Bernbeck Kollegen, die sich die Mühe machten, auf Röntgenbildern die Schnittwinkel auszumessen, wie Hüftknochen bei einer Operation anzusägen sind. Der Chefarzt vertraute offenbar getrost auf sein Augenmaß, da alle Winkelbestimmung "ja doch nur Pseudogenauigkeit sei" (de Vries vor dem Untersuchungsausschuß). Bernbeck war "die Sonne, de Vries der Mond, die Assistenzärzte Handlanger" (Haensel-Lohrberg). "Kritik" am Chef mußte "kollegial" sein (de Vries); dazu "berechtigt waren Assistenten nach Bernbecks Meinung erst, wenn sie etwas können".

Um so mehr zu Dank und späterer kollegialer Treue mag dem Professor so mancher jener ehemaligen Assistenten verpflichtet sein, denen Bernbeck bei Operationen gelegentlich "die Hand führte" (Hastedt) und hinterher großzügig erlaubte, sich den Eingriff als eigenen gutzuschreiben. Für ihre Ausbildung zum Facharzt müssen Orthopäden nämlich 355 eigene Operationen nachweisen. "Rund zehn Prozent" der Eingriffe in Barmbek, gab Oberarzt Hastedt zu Protokoll, seien auf diese Weise den OP-Katalogen der Assistenten gen worden. Oberarzt de Vries hält diese Zahl für "verkehrt und falsch"; außerdem seien derlei "Lehr-Assistenzen", bei denen der Chef mal "kurzfristig selber eingreift", auch an anderen Krankenhäusern üblich. Die Hamburger Ärztekammer fand diese bemerkenswerten Behauptungen zur Facharztausbildung bisher keiner öffentlichen Erörterung wert.

Auch andere Vorschriften der Krankenhausordnung wurden auf der Barmbeker Orthopädie nicht exakt befolgt. Dem Untersuchungsausschuß liegen ganze Stöße von Operationsberichten vor, in denen es von Fehlern nur so wimmelt: mal purzeln die Tagesangaben wild durcheinander, mal wird die linke, dann wieder die rechte Hüfte als operiert ausgewiesen, mal wird unter "Assistenz" nur "Frl. Heike" genannt, mal stehen Operateur und Assistenten in einer Reihenfolge, so daß unmöglich ist herauszufinden, wer nun was wie tat.

Die folgenschwere Schienbeinoperation an Rainer Janke zum Beispiel wurde laut Bericht von "Dr. Steermann/Dr. Bernbeck" ausgeführt. Wer hat nun operiert, an wen müßte sich eine Schadenersatzforderung wenden? Steermann: "Hier war ich der erste Assistent, Bernbeck war Operateur" und hat "den Bericht eben aus Anerkennung so diktiert". "Verantwortlich" seien also "beide". Oberarzt de Vries, dazu befragt: "Operateur ist, wer an erster Stelle steht, da hätte ich keine Zweifel."

Patienten und Ärzte berichteten, die Risikoaufklärung vor der Operation habe im argen gelegen. Meist wurde stillschweigend vorausgesetzt, daß sich die Hausärzte schon darum gekümmert hatten. Dementsprechend sehen reihenweise die Einwilligungsbögen der Operierten aus: Mal fehlt die Unterschrift des Arztes, mal die des Patienten; mal liegen blanko unterzeichnete Einwilligungen vor – oder auch gar keine. Früher hätte "nicht in dem Ausmaß wie heute aufgeklärt werden müssen", lautet nun unisono die Erklärung der Ärzte. Ja, es gebe auch "Patienten, die überhaupt nicht wissen wollen, was passieren kann" (de Vries).

Warum Krankenakten lückenhaft und teils mit grotesken Fehlangaben geführt, Röntgenbilder so gut wie nie mit einem Befund versehen wurden und zum Teil schlichtweg unauffindbar sind, dafür trug Oberarzt de Vries dem Untersuchungsausschuß eine bündige Erklärung vor: "Wir hatten die Wahl, eine Patientenversorgung durchzuführen oder eine ausführliche Dokumentation wie an einer Uni-Klinik." Gemacht wurde "nur das Notwendigste".

Nur: Was soll jetzt ein Geschädigter anfangen, der für seine Schadenersatzforderung eine lückenlose Krankengeschichte vorlegen muß? So mancher von ihnen argwöhnt ohnehin, daß all die offenkundige Unordnung in der Barmbeker Orthopädie Methode hatte: daß in Operationsberichten mißglückter Eingriffe nicht steht, was gemacht wurde, sondern was gemacht hätte werden sollen.

Ordnung hat es bei Professor Bernbeck sehr wohl gegeben: seine eben; die des nordischen "Seehelden", der "sorglos und unbekümmert seinen eigenen Weg geht, weil er die Kraft und Selbstherrlichkeit hat, alle Alltagswerte umzuwerfen". So zu lesen in der philosophischen seiner drei Dissertationen, einer "rassenpsychologischen Betrachtung zum Meer und zur Seefahrt unter Berücksichtigung des deutschen Volkes". Titel: "Der Seemann und seine Welt."

Als der aus dem holsteinischen Neumünster stammende, aber in Bayern aufgewachsene Dr. med. Rupprecht Bernbeck 1943 diese rassendümmliche Abhandlung verfaßte, konnte er sich eines "fast siebenjährigen Zusammenlebens mit Männern der Kriegs- und Handelsmarine" rühmen; 1941 war er Stabsarzt eines U-Bootes "auf Feindfahrt" gewesen. Das "Meer als Erzieher" (Kapitelüberschrift) wirkte offenbar nationalsozialistisch: "Auf jedem einzelnen Schiff herrscht das echte Führerprinzip: einer für alle – alle für einen", heißt es in der Doktorarbeit.

Nichts anderes scheint später in der Barmbeker Orthopädie geherrscht zu haben. Bernbeck, vom Scheitel bis zur Sohle der Prototyp des "Seehelden" aus seiner Doktorarbeit, war der unangreifbare Chef, der entschied, wo’s langging. Er gab den Ton an: kumpelhaft, hemdsärmelig, humorig, barsch, cholerisch – je nach Laune, immer aber autoritär, respektheischend. Er befahl, was zu tun ist: arbeiten, operieren, Erfahrung sammeln – immer im herrischen Glauben, daß alles machbar ist.

Kritik am Wesen und Wirken des Chefarztes war nicht vorgesehen. Ob sich Bernbeck wagemutig in der "Verbesserung" seiner orthopädischen Methoden übte, ob die Hamburger Kliniken immer häufiger Patienten aus seiner Abteilung zur Nachbehandlung überwiesen bekamen: die Ärzte, die dies eigentlich alles mitbekommen mußten, schwiegen. Und in der Hamburger Gesundheitsbehörde wurde jenen Geschädigten, die sich schon lange vor dem Bekanntwerden des Skandals um Schadenersatz bemühten, von Strafanzeigen abgeraten: das käme zu teuer und führe zu keinem Ende.

Vor dem Untersuchungsausschuß mochten die ehemaligen Kollegen von Bernbeck ebenfalls nichts berichten, was dem Nimbus des "fast genialen Operateurs" (Hastedt), des "äußerst arbeitsamen und sehr sozial eingestellten Chefs", (de Vries) widersprochen hätte. Einzig die junge Ärztin Haensel-Lohrberg entriet dem kläglichen Untertanengeist, den sich der "selbstherrliche" Professor herangezüchtet hat: Bernbeck habe "aus Selbstüberschätzung Fehler nicht gesehen und Probleme nicht zugegeben".

Da nur richtig sein konnte, was der Chef auch immer veranlaßte, nahm zum Beispiel niemand daran Anstoß, daß Bernbeck all die Jahre ein vermeintlich probates Mittel verwendete, um der Infektionsgefahr bei Operationen Herr zu werden: antibiotischen Terramycin-Puder, der in offene Wunden eingestreut wurde. Dem Assistenzarzt Steermann etwa, der 1978 an die Barmbeker Orthopädie kam, war diese Indikation in seiner Ausbildung nie untergekommen. "Suspekt" sei ihm "das Zeug" wohl gewesen, er habe es "nicht gemocht". Aber darob Alarm schlagen oder sich einfach mal informieren? "Dies zu kritisieren hätte sicher meine Kompetenzen überschritten."

Rainer Janke, 1979 von "Dr. Steermann/Dr. Bernbeck" operiert und hinterher Opfer schwerster Infektionen, die seine Schienbeinknochen anfraßen, schrieb später einen Brief an die Herstellerfirma des Präparats. Antwort der Pfizer GmbH, Karlsruhe: "Terramycinpuder ist nicht für die Anwendung in operativ eröffneten Körperteilen vorgesehen. Der Grund hierfür ist die Gefahr einer Granulom-Bildung... mit der Möglichkeit erheblicher Gewebeirritationen.

In vielem, so scheint es, ist Bernbeck mit seinen Methoden nicht mehr auf der Höhe der Zeit gewesen. Vor allem aber in der Einschätzung dessen, unter welchen Bedingungen es zu verantworten war, so viele, so heiße, so riskante Eingriffe an Tausenden Menschen vorzunehmen. In der Barmbeker Orthopädie, gestand der Arzt Steermann dem Untersuchungsausschuß, hätte man eigentlich "den OP-Betrieb einstellen müssen".

Wer dies zu veranlassen gehabt hätte, Bernbeck selber oder die ihm übergeordnete Hamburger Gesundheitsbehörde, dürfte zum politischen Angelpunkt dieser Affäre der Ungeheuerlichkeiten werden. Fest steht indessen, daß die Behörde über die Barmbeker Zustände im Bilde war – und daß Bernbeck trotz seiner wortreichen Klagen über die fatalen Unzulänglichkeiten keinen Grund sah, das Skalpell aus der Hand zu legen.

Aktiv wurde er erst, nachdem schlimme Vorfälle am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf die Gesundheitsbehörde aus der Bürokratenruhe gerissen hatten. Im Frühjahr 1971 erkrankten in der Gynäkologie der Klinik achtzehn frisch operierte Patientinnen an Infektionen; drei starben. Eine Klimaanlage hatte lebensbedrohliche Krankheitskeime in den OP-Saal geblasen. Wenig später setzte die Behörde eine "Arbeitsgruppe für die Überprüfung der OP-Bereichen, Kreißsäle und Intensivstationen" an den elf staatlichen Krankenhäusern der Hansestadt ein.

Im März 1972 schickte Bernbeck einen ersten Bericht an den ärztlichen Direktor des Krankenhauses Barmbek: Als "Sofortmaßnahme zur Beseitigung des akuten Gefahrenzustandes" im OP-Trakt der Orthopädischen Abteilung forderte er einen "Schleusenabschluß", die "Abschottung der Sterilräume gegen den Aufzug" und weitere bauliche Änderungen.

Die behördliche OP-Kommission kam bei zwei Besichtigungen im April 1972 zu dem Schluß, daß hier "in nicht zu verantwortender Weise Schmutz von außerhalb des Gebäudes unmittelbar vor die Funktionsräume getragen" wird. Mit den für erforderlich gehaltenen Maßnahmen war es indes nicht weit her: In einer Prioritätenliste wurde die Orthopädie Barmbek an die siebente Stelle geruht. Zwei Jahre Pause.

Am 7. Februar 1974 neues Schreiben von Bernbeck an die Gesundheitsbehörde. Eine "alsbaldige Verbesserung der hygienischen Situation" sei "dringend erforderlich, weil sonst eine Schließung des Operationsbetriebes unvermeidbar würde". Einen Monat darauf die Gesundheitsbehörde an das Senatsamt für den Verwaltungsdienst: "Angesichts der besonders prekären Situation ... ist die Verwirklichung der vorgesehenen Maßnahme äußerst dringlich."

In Barmbek wurde derweil fleißig weiteroperiert. Schließlich habe man "die vielen Leute auf den Wartelisten gehabt", sagte Bernbecks Kollege de Vries vor dem Untersuchungsausschuß. Außerdem habe die Behörde 1974 die Zusage für den Bau eines neuen OP-Raumes gegeben, der in zwei bis vier Jahren fertiggestellt sein sollte: "Es gab ja schon detaillierte Einrichtungspläne." Zwei Jahre Pause.

Im Dezember 1976 – zwischendurch war auch schon mal Regenwasser durch die Decke des OP-Raumes gekommen – trat im Auftrag der Gesundheitsbehörde Professor Dr. Gerhard Fromm vom Hygieneinstitut auf den Plan. Seine Untersuchungen im OP-Trakt zeitigten haarsträubende Ergebnisse: "Gesamtkeimzahlwerte bis zu 500 Keimen/mhoch 3 Luft." Als gerade noch tolerabel gelten 100 bis 200 Keime pro Kubikmeter Luft. "Am höchsten", so der Professor in seinem Bericht, waren die Keimmengen ausgerechnet "in Raummitte d. h. OP-Tischnähe". Und, schlimmes Novum: "Auffallend zahlreich fanden wir Pilze, die nach unseren bisherigen Erfahrungen bei der Überwachung von kritischen OP-Einheiten in dieser Häufigkeit bisher überhaupt nicht vorgekommen sind."

Nun war der Dollpunkt denn doch erreicht. Im Januar 1977 schrieben Bernbeck und de Vries an die Behörde, sie seien "nicht mehr in der Lage, allein in Eigenverantwortung den Operationsbetrieb wie bisher forzuführen". Warum, legten sie abermals klar: "weil neben der realen Verantwortung gegenüber den Patienten auch die heutige Rechtsprechung keinerlei Verständnis für ein solches Verhalten aufbringen würde."

Ende August 1977 wurde die Orthopädie in Barmbek geschlossen, die Operationstätigkeit in das Hamburger Krankenhaus St. Georg verlagert. Bereits im darauffolgenden März konnten Bernbeck und die Seinen wieder an ihren alten Platz zurückkehren. Dort war inzwischen eine "Teilverschleusung" gebaut worden, jene Zwischenlösung, auf die sich Krankenhausleitung und Behörde geeinigt hatten. Der Assistenzarzt Steermann war wen nach diesem Umbau "überrascht: Ich hab’ das für ein Provisorium gehalten."

Drei Jahre des Weiterwurschteins vergingen noch, dann stand, im Sommer 1981, endlich jener neue OP-Trakt, dessen Bau die Behörde 1974 versprochen hatte. "Gewundert" habe man sich schon, so de Vries vor dem Untersuchungsausschuß, "daß erst allmählich saniert wurde", aber letztlich liege es "am Staat, die Prioritäten zu set-Das Operieren, jawohl, sei trotz aller Widrigkeiten möglich gewesen – "sonst hätten wir es ja nicht gemacht".

Bei so viel tautologischer Unangefochtenheit verwundert auch nicht zu hören, daß natürlich immer alles zum Wohle der Patienten geschah. Schließlich habe es "lange Wartelisten" gegeben und "viele eindeutig notwendige Operationen" (de Vries). Wie dies alles "gemacht" wurde, ergibt freilich nach den bisherigen Zeugenaussagen ein Bild höchster Fragwürdigkeit:

  • Das übliche Operationsrisiko scheint Bernbeck weit überschritten zu haben. Kunstregeln wie jene, daß bestimmte Eingriffe aller Erfahrung nach nur an älteren, andere nur an jüngeren Patienten durchgeführt werden sollten, wurden offenbar mißachtet. Mehr noch: Bernbeck nahm – in Einzelfällen – Operationen vor, die kein Lehrbuch je vorsah. Viel und schnell zu operieren hat sicherlich die Routine, wohl aber auch die Fehlerquote gesteigert.
  • Die hygienischen Bedingungen in Barmbek waren ohne Zweifel fatal, dies belegen Bernbecks Briefe an die Behörde genauso wie die Schilderungen von Patienten und Kollegen des Chirurgen. Daß da nun, wie Bernbeck in der ÄrzteZeitung schwadroniert, die Infektionsquote "zu allen Zeiten weit unter dem errechneten Durchschnitt der internationalen Statistik großer orthopädischchirurgischer Kliniken lag", klingt wie schierer Hohn. Demnach hätte man sich einen Neubau des OP-Saals eigentlich ersparen können.
  • Sichtbar wurde ein Krankenhausalltag, dessen Konsequenzen durchweg auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden: Ein allmächtiger Chefarzt, der Einwände jedweder Art nicht duldet; Ärzte, die darob in elende Pflichtvergessenheit verfallen; Krankenschwestern und Pfleger, die aus Angst ihre Arbeit zu verlieren, nichts gesehen, nichts gehört, nichts gewußt haben wollen.

Als groteske Hängepartie erwies sich bislang der Kampf der geschädigten Patienten, wenigstens materielle Kompensation zu erhalten. Noch im Januar 1984 versprach die damalige Hamburger Gesundheitssenatorin Helga Elstner eine zügige Abwicklung der Schadenersatzansprüche. Kurz darauf verschickte sie (ohne je eine Zusage der Betroffenen eingeholt zu haben) die Beschwerden an die "Schlichtungsstelle für Arztpflichtfragen" in Hannover. Positiv entschieden wurden bislang knapp dreißig der mittlerweile weit über hundert dort zur Begutachtung anliegenden Fälle. Abschlagzahlungen (1000 bis 100 000 Mark) erhielten diese Bernbeck-Geschädigten schließlich vor zwei Wochen; insgesamt 460 000 Mark.

Vorausgegangen war dieser Anweisung ein monatelanges peinliches Gezerre zwischen der derzeitigen Gesundheitssenatorin Christine Maring und der Allianz-Versicherung. In der Regel sind Ärzte bei der Winterthur versichert; sie übernimmt in Schadenersatzfällen meist anstandslos 75 Prozent der Zahlungssumme. Im Falle des allianzversicherten Professors Bernbeck mußte gar Bürgermeister Klaus von Dohnanyi eingreifen, um die Assekuranz dazu zu bewegen, mindestens 60 Prozent der Schadensummen zu zahlen.

Vorher hatten nur ein paar Opfer Bernbeckscher Heilkunst Schadenersatz vor Gericht erstreiten können. Von den bislang zehn Zivilprozessen endeten acht mit einem Vergleich, zwei Klagen wurden abgewiesen. Abschlagszahlungen bisher: 223 500 Mark.

Gründe für die Nöte von zur Klage entschlossenen Patienten gibt es zuhauf – zumal im Fall Bernbeck. Da sind Krankenakten und Röntgenbilder nicht mehr auffindbar; verschollen auf dem Postweg, in der Gesundheitsbehörde, bei Bernbeck und anderen Ärzten. Eine Anzeige der Gesundheitssenatorin Maring (vom Juli 1984) gegen Bernbeck wegen des Verdachts auf Aktenunterschlagung läuft und läuft. Um so schneller sind indes Ärzte mit Stellungnahmen und Gutachten zur Hand – meist im Sinne ihres in die Bredouille geratenen Kollegen.

Ein peinsames Meisterstück dieser Art lieferte jene "unabhängige Expertenkommission", die 1984 im Auftrag der Hamburger Gesundheitsbehörde die Stichhaltigkeit der Kunstfehlervorwürfe untersuchen sollte. Es begann schon ungut: Entgegen einer ersten Zusage weigerte sich die Hamburger Ärztekammer, einen Vertreter in die Kommission zu schicken; mit Bernbecks unseligem Wirken wollte sie sich nicht auseinandersetzen.

Der Chef der "Expertenkommission", Professor Dr. Karl-Friedrich Schlegel, Orthopäde in Essen und ein alter Freund von Bernbeck, kam schnell zu dem Schluß, daß es in Barmbek weder Kunstfehler noch sonstiges ärztliches Fehlverhalten gegeben habe. "Ein bißchen vorsintflutlich" mag es dort zugegangen sein, aber schließlich lasse sich "auch in einer Feldscheune gute Medizin machen". Bernbeck sei zwar eine "schwierige Persönlichkeit", vor allem aber "ein außergewöhnlich versierter und innovationsfreudiger Orthopäde", ein "genialer Operateur".

Erstaunliches Fazit von Schlegel: "Im Krankenhaus Barmbek ist etwas passiert, was in jeder deutschen Klinik vorkommen kann." Die Gesundheitssenatorin Maring raunte etwas von "fadem Nachgeschmack" – seither ist von diesem "Gutachten" nur noch verschämt die Rede.

Mit zynischem Trost beschied Schlegel im Oktober letzten Jahres die Bernbeck-Geschädigte Kerstin Hagemann. Ihr Leiden sei eines, "das die gesamte Mythologie bestimmt hat", schrieb er ihr und legte dem Brief "zum besseren Verständnis" seine Publikation aus dem Jahre 1983 bei, "Luzifer – ein orthopädischer Patient". Hirnrissige Erkenntnis der professoralen Betrachtung: "Wir als Orthopäden ... sind daher berechtigt, den Satan und den aus blühender Kindheit in die deletäre Pathologie gestürzten Luzifer ebenso wie auch Ödipus in unsere Patientenkartei einzuordnen. Und dies unter der Diagnose: Spina bifida occulta mit neurogenen, wachstumsabhängigen Fernwirkungen."

Ein Fauxpas? Wohl kaum. Bernbeck selber diffamierte Kerstin Hagemann (dank ihrer und Rainer Jankes Ausdauer gibt es die "Patienteninitiative") im April dieses Jahres als "repräsentative Rollstuhlfahrerin" und Rädelsführerin einer "gezielten Kampagne gegen das Chefarzt-Prinzip im Krankenhaus". Die Anwürfe stehen in einem Brief, den der Professor über seine Getreuen von der "Pro-Bernbeck-Initiative" dem Vorsitzenden des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses, dem CDU-Abgeordneten und Chefarzt Dr. Kampf, zuspielen ließ.

Kampf hat später "vergessen", dieses "nicht besonders wichtige Schreiben" auch den Ausschußkollegen von der SPD und der GAL zugänglich zu machen. Als dies vergangene Woche ans Licht kam, mußte er erst einmal selber wegen möglicher Befangenheit in den Zeugenstand. Seitdem tobt heftiger Streit im Ausschuß, fordert die GAL einen neuen Vorsitzenden.

Wie der Zeuge Kampf da weit nach Mitternacht in stürmischer Sitzung beteuerte, doch "nichts Ehrenrühriges getan zu haben", mochte man meinen, eine Bernbecksche Figur vor sich zu haben. Einen "Seehelden", dessen Gefährdung Bernbeck in seiner Doktorarbeit schon ganz richtig erkannt hatte: "Der reine Held und Tor zugleich wird schuldig in seinem unbefangenen Freimut, wenn er am Empfinden und Wollen der anderen vorbeilebt und vorbeihandelt."

PS: Professor Dr. Dr. Dr. Bernbeck war für die ZEIT nicht zu sprechen. Er soll im Februar vor dem Untersuchungsausschuß gehört werden.