Mit Brecht hat er für Erwin Piscator die Theaterstücke „Rasputin“ und „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ geschrieben; im Malik-Verlag veröffentlichte er ein groteskes Puppenspiel „Die preußische Walpurgisnacht“; mit Tucholsky und anderen Berühmtheiten traf er sich regelmäßig bei Schwaneke – er gehörte zur kulturellen Szene im Berlin der zwanziger Jahre: Felix Gasbarra.

In den sechziger Jahren noch trat der 1895 geborene Künstler mit Hörspielen von einer „geradezu Voltaireschen Prägnanz“ (Heinz Schwitzke) und dem bei Diogenes erschienenen Roman „Schule der Planeten“ hervor. Dann hörte man nichts mehr von ihm. Auf der Frankfurter Buchmesse 1985 frage ich beim Stand des Diogenes-Verlags, ob der Diogenes-Autor Gasbarra noch lebe – niemand weiß es, nicht mal der Verleger Daniel Keel. Wie kurz ist das literarische Gedächtnis. Kann ein Autor einfach so aus dem literarischen Bewußtsein schwinden? ...

Einige Zeit später: ein schlichtes Zimmerchen in einem Heim für Blinde in der Nähe von Bozen. Ein alter Mann mit eingefallenem Gesicht, unrasiert, im braunen Morgenrock, sitzt vor seinem Mittagessen – Felix Gasbarra. Ein großer, markanter Kopf beherrscht den vom Alter gebeugten Körper. Gasbarra ist nahezu blind: Er sieht nur noch Schemen. Da auch Hör- und Erinnerungs-Vermögen nachlassen, ist die Verständigung nicht leicht.

Dabei gäbe es soviel aus diesem Leben zu erzählen, das in vielem für die Geschichte eines Intellektuellen im 20. Jahrhundert symptomatisch ist. Gasbarra wurde in Rom geboren. Seit dem 2. Lebensjahr lebte er in Deutschland, ging dort zur Schule und machte seinen Doktor. 1921 trat Gasbarra in die KPD ein. Er redigierte die Partei-Zeitschrift Der Knüppel, die John Heartfield graphisch gestaltet. Die Partei schickt ihn zu Erwin Piscator, dessen wichtigster Mitarbeiter er wird.

Als Werbeveranstaltung zur Reichstagswahl 1924 schreiben sie gemeinsam die „Revue Roter Rummel“, eine Art Kabarett „unter skrupelloser Verwendung aller Möglichkeiten: Musik, Chanson, Akrobatik, Schnellzeichnung, Sport, Projektion, Film, Statistik, Schauspielerszene, Ansprache“ (Gasbarra/Piscator in dem Buch „Das Politische Theater“, 1929). 1925 folgt die Revue „Trotz alledem!“ – zur Eröffnung des 10. Parteitages der KPD: „eine einzige Montage von authentischen Reden, Aufsätzen, Zeitungsausschnitten, Aufrufen, Flugblättern, Photographien, Filmen des Krieges, der Revolution, von historischen Personen und Szenen“.

Während Piscators produktivster Zeit – im Theater am Nollendorfplatz – ist Gasbarra Leiter eines „dramaturgischen Kollektivs“, dem auch Brecht, Mehring, Jung und Lania angehören. Hier entstehen jene berühmten Inszenierungen, die Theatergeschichte gemacht haben und Piscator als Begründer des politisch-agitatorischen, propagandistisch-revolutionären Theaters ausweisen: Tollers „Hoppla, wir leben“ (1927); Alexej Tolstois „Rasputin“, Hašeks „Der brave Soldat Schwejk“ (1928). 1929 erscheint diegemeinsam von Gasbarra und Piscator verfaßte Theorie zu diesem neuen Inszenierungs-Stil: „Das politische Theater“ (Neubearbeitung 1963).

Ende der zwanziger Jahre wendet sich Felix Gasbarra intensiv der neuen Literatur-Form Hörspiel zu: „Der Marsch zum Salzmeer“ kann als erstes dokumentarisches Hörspiel überhaupt gelten. Das Hörspiel „Fahnen am Matterhorn“ (1931) entlarvt satirisch die Bergbesteigungs-Manie, „die Täuschungsmanöver des nationalistischen Wettstreits, die Todesopfer, den fehlenden gesellschaftlichen Nutzen“ (Jürgen C. Thöming).