Bei der Frage nach der Identität der Deutschen geht es um ihr subjektives Bild von sich selbst

Von Werner Weidenfeld

Akademische und publizistische Konjunkturen zeigen oft gewisse Regelmäßigkeiten. Da erfreut sich ein Thema plötzlich lebhafter Nachfrage. Die Bestsellerlisten verzeichnen Überraschungen. Akademien, Rundfunk- und Fernsehanstalten beeilen sich mitzuziehen, oben Verstärkereffekte aus. Der literarische Boom provoziert Nachfolgepublikationen – und nach einiger Zeit ist nur noch schwer auszumachen, ob nach wie vor ein substantieller Reflexionsbedarf besteht oder ob Verlage und Autoren lediglich die konjunkturellen Schubkräfte auf die eigenen Mühlen lenken wollen. Der Übergang zu einer draufgesattelten Schein-Konjunktur erfolgt fließend.

Die deutschlandpolitische Literatur erfüllt in ihren Wellenbewegungen in geradezu ideal typischer Form dieses Modell eines verlegerischen Konjunkturzyklus. Im Blick auf eine Fülle von Neuerscheinungen zur Deutschlandpolitik aus den letzten Monaten zwingt sich die Frage auf, ob hier wirklich noch ein ergänzender Klärungsbedarf kritisch dringender Leser besteht. Es würde nicht verwundern, wenn wir inzwischen in eine Periode literarischer Reprisen zu Deutschland eingetreten wären. Zwei aktuelle Beispiele aus renommierten Verlagen können gewißermassen als Prüfexemplare für diese Vermutung herangezogen werden.

Mit zweifelhaftem Sinn

Im Zusammenhang mit Forschungsprojekten zum Deutschlandbild haben sich vier an der Gesamthochschule Wuppertal wirkende Professoren mit drei Fragen an prominente Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Publizistik gewandt. Die bunte Schar der Adressaten – von Otto von Habsburg bis Marion Gräfin Dönhoff, vom Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs bis zum FAZ-Mitherausgeber Joachim Fest, vom CSU-Vorsitzenden bis zum DKP-Vorsitzenden – sollte auf drei Fragen antworten: 1. Gibt es heute eine einheitliche deutsche Nation beziehungsweise eine einheitliche deutsche Nationalkultur, oder gibt es verschiedene deutschsprachige Kulturen und Nationen? 2. Welche Bedeutung hatte Ihres Erachtens die staatspolitische Einheit Deutschlands von 1871 bis 1945 für die Entwicklung der deutschen Nation, ihres geistigen Lebens und ihrer Kultur? 3. Wie denken Sie über die Aussichten der geistigen und kulturellen Entwicklung in beiden deutschen Staaten? Wie möchten Sie die Zukunft dieser Entwicklung sehen? Die drei Fragen sollten auf höchstens zwei Schreibmaschinenseiten beantwortet werden. Diese knappe Disposition zeigt bereits die wichtigsten Ärgerlichkeiten auf: Zu einem Thema, das über die Jahre in eine bedrückende Formelhaftigkeit, in vorgestanzte Worthülsen abgerutscht ist, werden nun die Beiträger gezwungen, in eben jene Kontinuität von Stichwort artigen Gedankenfragmenten einzutreten. Es muß einen schon merkwürdig berühren, wenn in einer Kultur medialer Informationshäppchen nun auch die Wissenschaft in Buchform auf solche Gedankenschnipsel abhebt.

Und dann der Inhalt der Fragen selbst: Können solche grob holzschnittartigen Anfragen überhaupt dazu beitragen, den geistigen Puls der Deutschen zu messen? Sind so die wirklichen Suchbewegungen der Deutschen auszuloten? Kann der Identitätsbedarf der Deutschen in dieser Form überhaupt auf den Begriff gebracht werden? Schon die stillschweigenden Prämissen der Fragesteller stimmen nicht. Eine einheitliche deutsche Nationalkultur hat es nie gegeben. Der Zeitraum von 1871 bis 1945 besaß keine geschlossene, einförmige Prägekraft. Die Zukunft Deutschlands wird zudem nicht nur kulturelle, sondern auch politische Facetten aufweisen, die durchaus reflexions bedürftig erscheinen.