Seit Parteichef Michail Gorbatschow im Kreml eindeutig die Leitlinien der Außenpolitik bestimmt und eine Mäßigung des globalen Engagements anstrebt, ist auch Afghanistan wieder verstärkt in die Schlagzeilen gerückt. Die neue Sowjetführung erweckt den Eindruck, daß sie an einem Truppenabzug und einer politischen Lösung des Problems interessiert ist. Auch die Amerikaner geben sich den Anschein, als ob sie gewillt seien, den Sowjets eine Brücke zu bauen. So haben sie jüngst erklärt, sie könnten die Rolle einer Garantiemacht übernehmen.

Beim Gipfeltreffen in Genf im November hatte die amerikanische Delegation den Eindruck gewonnen, daß die Sowjets jetzt verstärkt nach einem Ausweg suchen. Unmittelbar vor den Gesprächen zwischen Präsident Reagan und Parteichef Gorbatschow hatte das ZK-Mitglied Nikolai Schischlin erklärt, die Entscheidung für den Einmarsch im Dezember 1979 sei ein "schwieriger Entschluß in einer Notsituation" gewesen. Heute sei die Sowjetunion "wirklich nicht sehr glücklich", daß sie Truppen in Afghanistan stehen habe. Sie strebe den Abzug mit "höchster Priorität" an.

Die in Genf während des Gipfels kursierenden Gerüchte, Gorbatschow habe sogar schon einen konkreten Zeitplan für den Abzug mitgebracht, wurden von der amerikanischen Delegation nicht bestätigt. Unmittelbar nach dem Gipfel erklärte der Parteichef vor dem Obersten Sowjet: "Der Präsident (Reagan) hat die Frage Afghanistans berührt. In diesem Zusammenhang wurde nochmals bekräftigt, daß die Sowjetunion konsequent für eine politische Regelung der Lage um Afghanistan eintritt. Wir sind dafür, daß das mit uns befreundete und benachbarte Afghanistan ein unabhängiger, nichtpaktgebundener Staat ist; wir sind für ein Regime garantierter Nichteinmischung in die Angelegenheiten Afghanistans. Dadurch würde auch die Frage des Abzugs der sowjetischen Truppen aus diesem Land gelöst. Die Sowjetunion und Afghanistan sind ganz und gar dafür. Und wenn jemand eine baldige Lösung dieser Frage behindert, so sind es vor allem die USA, die die Banden der Konterrevolutionäre finanzieren, unterstützen und bewaffnen und die Anstrengungen zur Normalisierung der Lage im Lande zunichte machen."

Die von den Vereinten Nationen vermittelten, in Genf indirekt zwischen Afghanistan und Pakistan geführten Gespräche über eine mögliche politische Lösung sind Ende vergangener Woche wieder ausgesetzt worden. Nach Auskunft des UN-Vermittlers Diego Cordovez sind sie an einem toten Punkt angelangt, weil es keine Einigung darüber gibt, in welchem Rahmen über den sowjetischen Abzug gesprochen werden soll. Die im Juni 1982 begonnenen und seither in regelmäßigen Abständen fortgesetzten Gespräche zwischen den Außenministern Afghanistans und Pakistans – Islamabad lehnt das Regime in Kabul ab und ist nur zu Kontakten über den UN-Vertreter Cordovez bereit – haben bisher Übereinstimmung in drei Fragen gebracht. Erstens soll eine Rückkehr der rund drei Millionen afghanischen Flüchtlinge aus Pakistan gewährleistet werden. Zweitens müsse die ausländische Unterstützung für die afghanischen Freiheitskämpfer eingestellt werden. Und drittens seien für die Einhaltung dieser Vereinbarungen internationale Garantien nötig.

Die Prawda hat an diesem Wochenende, also sechs Jahre nach der sowjetischen Invasion, in einem ungewöhnlich offenen Leitartikel eingeräumt, daß die "April-Revolution" längst nicht von allen Afghanen akzeptiert wird. Es brauche Zeit, um die angesammelten Vorurteile zu beseitigen und Illusionen zu überwinden. Die auffälligste Passage des Parteiblattes: Es sei notwendig, "eine Atmosphäre des positiven Dialogs zwischen öffentlichen und politischen Kräften einschließlich derjenigen zu schaffen, die bisher gegenüber der Revolution feindliche Positionen beziehen".

Aber genau hier liegt das Dilemma. Moskau muß sich damit abfinden, daß es keine internationale Lösung geben kann, die den sowjetischen Strohmann Babrak Karmal im Amt beläßt. Washington könnte in eine solche Lösung zwar den Verzicht auf weitere Unterstützung der Rebellen und Hilfsleistungen an eine neue, unabhängige Regierung einbringen. Doch eine solche Führung – wenn die Sowjetunion sie überhaupt gewähren ließe – ist nicht in Sicht Es gibt keine Exilregierung, die Rebellengruppen sind untereinander verfeindet Ein schneller sowjetischer Abzug würde zu einem vollständigen Chaos führen. So erscheinen derzeit nur zwei Dinge sicher. Erstens: Ein Ausweg wird sich nicht so bald finden lassen. Zweitens: Die Bekundung der Sowjets, wenigstens ernsthaft nach einer Lösung zu suchen, trägt zur Verbesserung von Gorbatschows Ansehen bei – solange sie glaubhaft bleibt. C. S.-H.