Zwischen flachen, lang hingestreckten Industriebetrieben stehen Einfamilienhäuser mit Spitzdächern. Und das Haus in der "Ruhlau 98 a" sieht aus, als ob es regelmäßig gewaschen wird, genauso wie der Kleinwagen mit dem Holznach überm Kopf, wo sich Gewächse ranken könnten. Das Gartentor läßt sich nur durch einen Knopfdruck hinter der Haustür öffnen und holpert dann zur Seite. Da stand er nun im Türrahmen, den er der Höhe nach fast ausfüllte, der arbeitslose Angestellte Torsten A., 46 Jahre alt, von dem das Arbeitsamt gesagt hatte, er würde über alles reden, was ihn seit Jahren bedrückt.

Torsten A. sagte, daß er Grippe habe. Früher sei er damit in ein paar Tagen fertig geworden. Aber jetzt mußte er zum Arzt. Und nach einem Hustenanfall fing er an: "Stimmt, mein Nachname klingt bulgarisch. Mein Vater ist Bulgare. Meine Mutter heiratete ihn in Sofia. Sie war bei der Organisation Todt – Hitlers Baubataillonen – als Sekretärin. Ihre Vorgesetzten redeten aber plötzlich von einem Sicherheitsrisiko. Und sie mußte sich scheiden lassen. Rassische Gründe sollen auch noch eine Rolle gespielt haben. Und er hatte ihr verschwiegen, daß er schon einmal verheiratet war. Später wurde er Fußballtrainer. Vielleicht hat meine Mutter das nur mir zuliebe gesagt."

Wollte er mir jetzt sein ganzes Leben erzählen? Torsten A. sprang auf, winkte sich aber selber ab: "Meine Akten brauche ich ja noch nicht." Er setzte sich wieder auf die Kante des Ledersofas: "Meine Großmutter zog mich groß. Sie war Lehrerin an einem Lyzeum und ist früh Witwe geworden. Ich habe auch einen Stiefbruder. Er stammt von einem Juden in Berlin. Durch die Organisation Todt ist meine Mutter weit herumgekommen. Mein Stiefbruder wurde 1937 geboren, und sein Vater wanderte vorher nach Amerika aus. Meine Großmutter versteckte meinen Stiefbruder, den Halbjuden, bei einem Bauern in der Nähe von Rendsburg. Er mußte mit dem Bauern in einer Kate wohnen. Einmal habe ich ihn besucht. Mein Stiefbruder ging nur fünf Jahre zur Schule. Meine Großmutter war immer so obrigkeitshörig gewesen, und dann das..."

Ich fragte Torsten A., ob er sich erst jetzt darüber Gedanken machte. Inzwischen müsse er doch wissen, was damals alles hätte passieren können, und welche Gefahren seine Großmutter und der Bauer auf sich genommen hatten. Ja, besonders jetzt, wo ich mein ganzes Leben auf dem Prüfstand habe, früher aber auch schon, doch eher in Bausch und Bogen ..."

"Nach dem Krieg wurde meine Mutter Sekretärin beim Amtsgericht. Sie kam mit dem normalen Leben jedoch nicht mehr zurecht. Im Ausland, bei der Organisation Todt, da hatte sie etwas gegolten. Das schöne Leben fehlte ihr hier." Torsten A. schluckte den Zigarettenrauch hinunter und hustete sich aus: "Überall fiel sie durch ihre langen, tiefschwarzen Haare auf. Nach dem Krieg lernte sie aber nur Männer kennen, die sie ausnutzten. Meiner Mutter mußte man imponieren. Und genau drei Tage, nachdem ich eine Lehrstelle als Elektriker gefunden hatte, wollte sie nicht aufstehen. Ich rüttelte sie. Doch sie blieb liegen. Meine Großmutter kam dazu und sagte, sie sei tot. Wegen 3000 Mark Schulden, die sie wegen der Männer gemacht hatte, nahm sie sich mit Schlaftabletten das Leben."

Er sprang wieder auf und schrie einen Jungen an, der gerade weggehen wollte. Er sollte irgend etwas nicht mitnehmen. Vielleicht schrie er nur so, weil ihm gerade einfiel, wie oft er als Kind angeschrien worden war.

Torsten A. steckte sich die fünfte Zigarette an: "Ich bin in letzter Zeit ein bißchen laut, aber laut und deutlich." Er schnaubte sich auch viel zu laut aus. "Mein Stiefbruder ging nur fünf Jahre zur Schule und ich neun Jahre. Und fünf Jahre war ich in einem Fürsorgeheim. Das lag an der Schwarzmarktzeit. Meine Großmutter konnte nicht genug auf mich aufpassen. Und mit der Elektrikerlehre war es nach dem Selbstmord meiner Mutter dann ja auch nichts mehr..."